KZ-Außenlager Husum-Schwesing: „Hier wird Leben ausgerottet“

Es gibt Ereignisse aus der Zeit des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein, über die muss immer wieder berichtet werden, auch – und gerade weil – diese über 77 Jahre zurückliegen. Den Verfasser (gebürtiger Husumer, Jg. 1961) haben folgende Beschreibungen sehr bewegt: Es geht um den Marsch von Häftlingen des KZ Husum-Schwesing durch die Husumer Innenstadt.

Zunächst ein paar Informationen über das Lager: Das KZ-Außenlager Husum-Schwesing liegt im Schwesinger Ortsteil Engelsburg, etwa fünf Kilometer nordöstlich von Husum. Es wurde am 26. September 1944 als Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme im Zusammenhang mit dem Bau des so genannten Friesenwalls mit Häftlingen belegt.

2.500 Menschen aus 14 Ländern waren hier im Herbst 1944 gefangen; 297 Inhaftierte starben infolge von Zwangsarbeit, Unterernährung und Misshandlung. Am 29. Dezember 1944 wurde das Lager aufgelöst.

Unter den Augen der Bevölkerung

Die Häftlinge mussten im schweren Marschland nur mit Schaufel und Spaten einen vier bis fünf Meter breiten und drei Meter tiefen Panzergraben ausheben sowie Gefechtsstellungen und Unterstände bauen. Teilweise standen sie den ganzen Tag in kaltem Wasser und Schlamm.

Dabei waren sie den Schlägen der Kapos ausgesetzt, die zur Arbeit antreiben sollten, oft aber willkürlich terrorisierten. Ältere „felddienstunfähige“ Marinesoldaten bewachten die Häftlinge bei der Arbeit und dem oft kilometerlangen Weg dorthin.

Der Betrieb des Lagers fand unter den Augen der Bevölkerung statt: Auf dem Weg zu den Westwallanlagen wurden die Häftlinge morgens und abends durch die Straßen von Husum getrieben.

Dabei wären die Reaktionen der Bevölkerung geteilt gewesen: Es hätte Spott, Hohn und Verachtung gegeben, aber auch Mitleid. Manche hätten versucht zu helfen und den Häftlingen Nahrung zu gesteckt. Einzelne hätten gegen die Arbeitsbedingungen protestiert, die meisten jedoch weggesehen.

Starben Häftlinge auf dem Weg von und zur Zwangsarbeit, mussten Husumer die Leichen mit ihrem Fuhrwerk zum Friedhof bringen. Auch von dem Anblick der Gefangenen durch den Lagerzaun und bei der Arbeit wird berichtet.

Augenzeugenberichte

Der französische Priester und Résistance-Kämpfer Pierre Jorand war einer der Häftlinge im KZ-Außenlager Husum-Schwesing. Er hatte die unmenschliche Brutalität und die Entbehrungen überlebt und sich vorgenommen, seine Erlebnisse so sachlich, wie er konnte, schriftlich festzuhalten.

Sein Bericht erschien 1946 unter dem Titel  »HUSUM … Ici on extermine! Les Camps de la mort« in Nancy. Pierre Jorand wird hier zitiert:

Was die deutschen Bürger täglich sahen: Der Zug (hält) an. Der Konvoi ist am Zielort eingetroffen. Mal steigen wir am Husumer Bahnhof aus, mal an einer Nebenstation, häufig genug mitten in der freien Natur. Hier sind die Häftlinge, die wieder und wieder gezählt werden, das Objekt ungerechtfertigter Brutalitäten.

Dann setzt sich die unendliche Kolonne in Bewegung. Wenn es vorkommt, dass wir durch die Stadt Husum ziehen, fühlen wir eine gewisse Erleichterung, Leute kommen und gehen zu sehen…

Die Leute mögen zwar gehetzt wirken oder trübsinnig dreinblicken, [aber] es sind andere als die SS-Männer oder die Kapos…

Dieses Gefühl macht schnell einem dunkleren Gefühl Platz. Diese Leute, die frei umherlaufen, sehen, betrachten unseren traurigen Zug, sie sind Zeugen der Schläge, die die Kapos im Überfluss verteilen… Wenn einige ihren Kopf umdrehen, deutet niemand Protest an, niemand zeigt Missbilligung…

Es gibt sogar einige, die weder den Mut noch den Anstand haben, ihr Lachen zurückzuhalten, mehr oder weniger Beifallsspender, bei dem Schauspiel der Brutalität, das sich vor ihren Augen abspielt… Welches Elend!“

Das Schrankenwärterhäuschen, „Der Abschiedswalzer“ und das Sterben geht weiter

(…) Die Stadt Husum hat keinen besonderen Reiz, doch uns erschien sie zauberhaft. Die Dörfer waren durchschnittlich. Wir betrachteten sie mit Entzücken. Dass es noch Männer, Frauen und Kinder gab, die kamen und gingen, Zivilisten, die nicht Gefangene waren wie wir, dass erschien uns wunderbar, erstaunlich, kaum zu glauben. Wir durchquerten im Laufschritt diese Siedlungen, die unsere Augen paradiesisch fanden, um sehr schnell die immense, feindliche, grenzenlose, morastige Ebene zu erreichen.

Eines Tages führte ein Sonderdienst unsere Gruppe in die Nähe eines Schrankenwärterhäuschens. Wir sehen niemanden, doch hinter den geschlossenen Fensterläden hörten wir auf einem Radio Musik: „Der Abschiedswalzer“von Chopin. Wie soll ich unsere Ergriffenheit, unsere Entzückung beschreiben? Musik? Ein Privathaus? Das gab es also noch? Mehrere von uns konnten die Tränen nicht zurückhalten, besondere Tränen, unsere eigenen Tränen, Tränen des Heimwehs und der Hoffnung.

Wer hätte uns von diesem Gefühl der Isolation ablenken können? Wir hatten absolut keinen Kontakt zur Außenwelt. Es gab keine andere Nachrichten als Zeitungsenten, die von irgend her kamen, wir waren unter ständiger bösartiger Bewachung; mit diesen Bewachern war nichts zu erwarten, ein wenig Normalität des Lebens zu finden.

Quelle / Zitat: Jean Le Bris, Erinnerungsbericht, Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, HB 1544. Pierre Jorand, Husum. Hier wird Leben ausgerottet. Das Martyrium der Gefangenen des KZ-Außenlagers Schwesing, Bredstedt 1996. Hier den ganzen Text lesen (pdf).

Paul Thygesen*, ehemals Häftling des KZ Husum-Schwesing, berichtet über den Lagerkommandanten Hans Hermann Griem, der soll folgendes über die Häftlinge gesagt haben:

„Die Häftlinge, die hier nicht am Leben erhalten werden können, haben auch keine Be- rechtigung, in einem neuen Europa zu existieren, und sie können ebenso gut jetzt wie später sterben. Dies ist keine Versorgungsanstalt, und ich werde einfach neues Häftlingsmaterial anfordern“.

Thygesen weiter über Griem: „Bestenfalls hatte er nur Spaß daran, Schreckschüsse in die Luft abzugeben, aber wenn es zum Beispiel beim Aufstellen zu einem der unerträglichen Appelle nicht schnell genug ging, zielte er auch tiefer.

Einmal gelang es ihm, mit einer Kugel durch das Fenster der Kartoffelschälküche zu schießen, den Unterarm eines Polen zu durchlöchern und einen Niederländer in der Leistengegend zu verwunden.

Einen hungrigen Russenjungen, der sich eines Abends einige Kartoffeln anzueignen versuchte, traf er direkt ins Herz – mit einem, wie er das selbst ausdrückte, ‚wunderbaren Schuss’.“

Über die Unterkünfte im Lager berichtet er: „Wir waren zu 1000 – eine Zeitlang sogar 2000 – Gefangenen in einem Lager untergebracht, das für 400 berechnet war, in neun alte Holzbaracken zusammengepfercht, die man wiederum vom Boden bis zur Decke und von Wand zu Wand mit Bettgestellen vollgestopft hatte.“

Hydrant, KZ-Außenlager Husum-Schwesing

Hans-Christian Rasmussen, ehemals Häftling des KZ Husum-Schwesing, erinnert sich an die Bedeutung des Hydranten:

„Da steht immer noch der Wasserhydrant da, wo Löschwasser, wenn Feuer ausbrach, genommen werden konnte. Der eiserne Hydrant steht immer noch da. […] dieser Hydrant wurde übrigens als Strafmittel benutzt […].“

Die Männer wurden durchnässt an der Metallsäule festgebunden oder mussten sich auf den – heute fehlenden – Deckel des Hydranten setzen und dort verharren. Die SS stellte die Misshandlungen als Strafen für Verstöße gegen die im Lager geltenden Regeln dar

Schuld und Sühne?

Den Lagerkommandanten Hans Hermann Griem gelang nach der Kapitulation die Flucht. Er tauchte im August 1946 unter und entzog sich auf diese Weise der Verurteilung im britischen Prozess von 1947.

Er entging auch einer weiteren, 1950 erhobenen Anklage wegen in Konzentrationslagern verübter gefährlicher Körperverletzung. Nach der Gründung Bundesrepublik Deutschland 1949 waren die deutschen Behörden für die Strafverfolgung nationalsozialistischer Täter zuständig, weswegen diese Anklage von der Staatsanwaltschaft Hamburg ausging.

Es dauerte fast 20 Jahre, bis die Staatsanwaltschaft Flensburg dem 1946 untergetauchten Hans Hermann Griem erneut auf die Spur kam.

Der ehemalige Kommandant des KZ Husum-Schwesing und anderer Außenlager lebte inzwischen in Hamburg-Bergedorf. Daraufhin ermittelte die Staatsanwaltschaft Hamburg erneut gegen Griem. Kurz bevor der Prozess eröffnet wurde, starb Griem am 25. Juni 1971.

Hier zur großen Fotogalerie.

Beitragsfoto (oben): Eingang und Hinweisschild Gedenkstätte, weiter hinten Erinnerungstafeln für die Toten des Lagers

*Quelle: Hans-Christian Rasmussen, Erinnerungsbericht, Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, HB 1583

Quelle: https://kz-gedenkstaette-husum-schwesing.de/

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