Nordsee: Das Geheimnis um Doggerland – nun gelüftet?

Doggerland ist die Bezeichnung für ein untergegangene Land, das während der letzten Kaltzeiten vor 8000 Jahren die heutige Insel Großbritannien mit Kontinentaleuropa und Skandinavien verband. Ein gewaltiger Tsunami soll Doggerland vor 8200 Jahren vernichtet haben. Heute liegt auf diesem Gebiet die Nordsee.

Vor 8000 Jahren erstreckte sich mitten in der heutigen Nordsee, zwischen den britischen Inseln (Großbritannien) und dem europäischen Festland eine üppige Landschaft: Doggerland (1). Eine Katastrophe brachte der Landschaft den Untergang. Lange glaubte die Wissenschaft, ein gewaltiger Tsunami habe Doggerland vernichtet. Forschungen sprechen nun für einen späteren Untergang des Landes, das einst Großbritannien mit dem Rest Europas verband. Das heutige Helgoland ist ein Zeuge dieser Geschichte, einer furchtbaren Katastrophe. Zeichnen wir diese nach:

Wie alles begann: Die „Storegga-Rutschung“

Das Unheil nahm seinen Lauf entfernt vor der norwegischen Küste. Vor etwa 8200 Jahren brachen in mehreren Schritten bei der sogenannten „Storegga-Rutschung“ („Storegga“ = norwegisch: große Kante) weit unten im Meer gewaltige Teile des Kontinentalhangs ab. Auf einer Länge von rund 290 km stürzten geschätzt 3500 Kubikkilometer Gestein und Geröll in die Tiefe des Meeres. 

Die daraus resultierenden Tsunami rasten mit mindestens zehn bis zwölf Metern Höhe über das Meer. Auf den Shetland-Inseln nördlich von Schottland konnte sogar anhand von Ablagerungen eine mehr als 20 Meter hohe Flutwelle nachgewiesen werden. Und auch in England lässt sich diese Welle noch 40 Kilometer von der heutigen Küste entfernt nachweisen.

Ein Zeuge der Katastrophe: Helgoland

Reste von Doggerland kann man heute noch sehen. Jeder, der einmal Helgoland besucht hat, wird sich fragen, warum Felsen mitten in der Nordsee hervor ragen. Forscher sagen,. die Felsen von Helgoland sind die letzten Reste vom einstigen Doggerland. Auch viele der heutigen Halligen in der Nordsee ragen aus der Nordsee heraus und sind Zeugen dafür, das dort einst Land war.

Lange war die Wissenschaft davon ausgegangen, dass durch solch einen Tsunami auch die noch aus dem Meer ragende Doggerbank vollständig versank. Laut einer Studie von Forschenden der Universität Bradford  gab es aber nicht den einen, alles vernichtenden Tsunami. 

Zwar wurden große Teile der Wälder zerstört, Menschen und Tiere versanken in den Fluten, das Meerwasser versalzte die Böden und an vielen Stellen blieb eine Sumpflandschaft zurück.

Das endgültige Ende: Das Schmelzwasser der Weichsel-Kaltzeit

700 Jahre nach der Storegga-Rutschung, um 5500 vor unserer Zeitrechnung, war der Meeresspiegel inzwischen so weit angestiegen, dass sich die Nordsee auch den Rest der Doggerbank holte. Die Insel wurde vollständig überspült und mit ihr versanken auch alle Spuren in der rauhen Nordsee. 

Grund war das Ende der letzten Kaltzeit, Weichsel-Kaltzeit, vor rund 11 700 Jahren. Auf ihrem Höhepunkt lag Skandinavien unter einer kilometerdicken Eisdecke. Die Gletscher reichten damals bis zum Nordosten Deutschlands. Weil große Mengen Wasser im Eis gebunden waren, lag der Meeresspiegel wesentlich niedriger als heute, vor 20 000 Jahren um etwa 120 Meter. Als das Eis zu schmelzen begann, stieg der Meeresspiegel an. Dass sich dies auch im Gebiet der Deutschen Bucht bemerkbar machte, liegt auf der Hand.

Stand der Forschung

Archäologinnen und Archäologen haben nach und nach die Geheimnisse von Doggerland und die Ursache für sein Ende enthüllt: 1931 macht ein Fischer in der Nordsee einen unerwarteten Fund in seinen Netzen: eine steinzeitliche Geweih-Harpune. Der Fund scheint die Theorie des Paläobiologen Clement Reid zu bestätigen, der Ende des 19. Jahrhunderts die These aufgestellt hat, dass vor der britischen Küste eine untergegangene Landmasse liege.

Auf archäologischem Gebiet tut sich lange Zeit nichts, bis in den späten 1990er-Jahren Professorin Bryony Coles eine spekulative Studie dieser versunkenen Welt veröffentlicht. Sie nennt sie „Doggerland“. Seitdem sind zahlreiche weitere Funde gemacht worden.

Bei Unterwassergrabungen sind im niederländischen Rhein-Maas-Delta Reste von Wohnplätzen, Einbäumen, Fischreusen und Grabstätten gefunden worden. Auch ein mehr als 40 000 Jahre altes Fragment eines Neandertaler-Schädels kommt beim Ausbaggern der Middeldiep-Rinne vor Zeeland zutage. Quelle: ZDF

Man sieht: das Erscheinungsbild der Erde und die Lebensverhältnisse wandelt. Und wir leben ständig in Gefahr.  Der Meeresspiegel steigt nach wie vor, und das Vordringen des Meeres wird für den Menschen auch in Zukunft eine große Herausforderung bleiben.

Sehr sehenswert dazu eine Sendung bei ZDFInfo, hier bei YouTube nachgucken: Doggerland – Versunken in der Nordsee

Die Sendung kann alternativ auch in der ZDFMediathek nachgeguckt werden (Link, Video verfügbar bis 30.03.2031, in Deutschland)

Quellen / Weiterführende Informationen

Tipp: Das in der Sendung vorgestellte Buch des Paläobiologen Clement Reid „Submerged forests“ (Deutsch „Überschwemmte Wälder„) aus dem Jahre 1913 kann hier in voller Länge gelesen werden.

(1) Dogger von mndl. dogger für „Fischerboot, insb. für den Kabeljaufang“

Beitragsbild: Doggerland, Karte von Reid aus Submerged Forests 1913

Hinweis: Text aktualisiert am 28.12.2022, 13.00 Uhr

Autor: Willi Schewski

Fotograf. Blogger. Autor. Fotojournalist

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