29. Dezember 1970 – Der „Nivea-Express“ tritt seine letzte Reise an

Die Sylter Inselbahn, im Volksmund auch Rasende Emma genannt, war eine Schmalspurbahn mit 1000 mm Spurweite, die von 1888 bis 1970 auf der nordfriesischen Insel Sylt in Betrieb war.

Wir schreiben den 29. Dezember 1970. Mit einer Massenkundgebung im Pariser Mutualité-Saal begeht die französische KP ihr 50-Jähriges Bestehen. Im Bayerischen Fernsehen wird über die „Armee der Pistenrutscher“ berichtet und hoch im Norden in unserem schönen Schleswig-Holstein, auf Sylt, müssen Eisenbahn-Enthusiasten weinen: Die letzte Fahrt des „Dünen“ (auch Nivea) Expreß“ wird eingeläutet. Zeichnen wir diese lesenswerte Geschichte nach.

Manche Eisenbahn-Fans werden sich erinnern: die Sylter Inselbahn. Wir fuhren in rot-gelben Triebwagen und sie war gleich zu erkennen. Wegen der Werbeaufschrift auf dem Wagen wurde der Zug im Volksmund Nivea-Express genannt. Wir genossen eine rumpelnde Fahrt auf den einfach im Sand verlegten Schienen und boten uns ein unvergessliches Symbol für den Zauber der Insel und für Ferien auf Sylt. 

Jemand anders beschrieb den Insel-Express „Käseschieber“, sie „fuhr so langsam, dass man Blümchen pflücken konnte. Außerdem waren die Gleise so uneben dass man Angst hatte umzukippen.“

Von Begw – Topographische Karten, Image:Map frisian islands north 1910.jpg, de:Sylter Inselbahn und andere, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3442788

Anfangs gab es drei Stecken (siehe Karte oben): Die Nordbahn von Westerland zum Endbahnhof List. Und Südbahn zwischen Westerland und Hörnum. Die Ostbahn vom damaligen Fährhafen Munkmarsch an der Ostküste bis zur Stadt Westerland. Eisenbahn-Betriebsdirektor Emil Kurth aus Flensburg, der Erbauer der Bahn, beschreibt den Bahnverlauf Ostbahn wie folgt:

„Die Sylter Dampfspurbahn beginnt unmittelbar an der Anlegebrücke bei Munkmarsch, woselbst die Dampfschiffe anlaufen, welche die Kurgäste der Insel zuführen. Von diesem Anfangspunkte gelangt die Bahn zunächst zu den nahe gelegenen Gleisen dem Umsetzen der Maschine, verlässt diese Station mit einer Curve (sic) von 100 m. Radius, mit welcher der Mühlenberg umschritten wird und läuft alsdann in möglichst gerader Richtung auf Westerland zu, woselbst sie vor dem Kurhaus endet.

Inzwischen fährt die Bahn in km 1,5 am sogenannten Lornsenhain vorüber, woselbst ein facultativer Haltepunkt vorhanden ist. Die Bahn ist 4,2 km lang und es kommen nur 7 Curven vor, von welchen die schärfste 100 m., die übrigen 150–500 m. Radius haben. Die Maximalsteigung beträgt 1:50 auf 520 m. Länge; im Uebrigen ist die Bahn fast horizontal bis kurz vor Westerland, woselbst noch eine größere Steigung von 1:65 auf 340 m. Länge zu überwinden ist. Die Spurweite ist zu 1 m. gewählt.“

Nachdem die ursprünglich eingesetzte Dampflok oft durch Sandverwehungen entgleiste, verwendete man seit 1956 einen für den Schienenverkehr umgebauten Borgward-Sattelschlepper. Die Zugmaschinen wurden nach Art eines Sattelschleppers umgebaut und mit Eisenbahnrädern versehen.

Den Waggon für die Passagiere bildete ein Omnibus-Aufbau, der vom Motorwagen gezogen wurde. So ein kurioses Gefährt gab es nirgendwo bei deutschen Kleinbahnen.

Niedergang in den 1960er Jahren

Den Höhepunkt hatte die Insel-Klein-Bahn in den 1950er Jahren. Nie waren so viele Züge zwischen den Dünen unterwegs wie in den zehn Jahren bis 1960. Für den Sommer 1959 sind 30 Zugpaare auf dem Weg nach Norden verzeichnet, nach Süden waren es zwei Züge weniger.

In den 1960er Jahren begann der Abstieg: Es pilgerten mehr Gäste auf die Insel, aber die Zahl der Fahrgäste ging zurück. Der Autotransport auf die Insel, schon von der Deutschen Wehrmacht betrieben, brach der Kleinbahn das Genick. Es wurden mehr Straßen gebaut.

Im Sommer 1970 rollten Züge nur noch auf der Nordstrecke. Der letzte planmäßige Zug ist für den 15. Dezember 1970 verzeichnet.

Doch es gab noch eine Fahrt vor dem Jahreswechsel: am 29. Dezember hauchte die Inselbahn ihr Leben aus. Eine Wiederinbetriebnahme wurde oft diskutiert, erscheint aber heute trotz des teilweise problematischen Ausmaßes des motorisierten Individualverkehrs in der Hochsaison als unwahrscheinlich.

Für Nostalgiker: Sylter Inselbahn

Beitragsbild: Die Ostbahn in der Munkmarscher Heide 1894

Autor: Willi Schewski

Fotograf. Blogger. Autor. Fotojournalist

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