Buchtipp: „Deer driif en heef foont sööden jurt – En ütwool foon toochte, tääle än dächte“ von Erk Petersen

Er gilt als einer der interessantesten Prosaautoren des Nordfriesischen: der in 1946 in Niebüll in der Bökinghard geborene und in Flensburg lebende Autor, Philosoph, Lebenskünstler, Naturwissenschaftler und Mythologe Erk Petersen. In dem bereits 2017 in den Sprachen Friesisch (mooring*) & Deutsch veröffentlichten 172 Seiten starken Band „Deer driif en heef foont sööden jurt. En ütwool foon toochtetääle än dächte / Es trieb ein Meer vom Süden her“ präsentiert Petersen eine Auswahl von Gedanken, Geschichten und Gedichten.

Warum geht es in dem Band? Erk Petersen schreibt: „Die Lektüre dänischer und schleswig-holsteinischer Folkloresammlungen (Anmerkung Verfasser: Petersen nennt seinen Ansatz „Rekonstruierte Folklore“) machte mir bewusst, dass in der Volkssprache viel mehr gedacht und gesprochen wurde, als man sich – lass mich sagen die letzten fünfzig Jahre – vorstellen konnte.

Der Bereich der Themen und damit auch der Wortschatz, der nicht mehr benutzt wird, das wird einmal ganz vergessen. Neues kommt nicht hinzu.

Es gibt vergessene Begebenheiten (in: „Unsere Arche Noah“), vergessene Gefühle („Güüsche von Galmsbüll“), vergessene Sehnsüchte („Warum Momme Haiens so freigebig war“), vergessene Menschenschicksale („Es trieb ein Meer von Süden her“), die mich dazu trieben, sie als Geschichte in die Sphäre unseres Gemütes zu pflanzen, auf dass sie dort weiterwachsen mögen.

So würde eine historische Abhandlung wohl nicht wirken können. Für die drei ersten der genannten Geschichten habe ich den Anstoß in den Überlieferungen der Cimbrischen Halbinsel gefunden; für die vierte in meiner eigenen Familiengeschichte. Andere sind Anekdoten- „Winke-winke“, „Ja, da ist alles drin“ und „Der dankbare Betrunkene“. Durch Erzählen wird uns das Weltgeschehen erst zu eigen.“

Inhaltsverzeichnis:

Besonders gefallen hat den Verfasser die Erzählung „Deer driif en heef foont sööden jurt / Es trieb ein Meer vom Süden her“ (S. 35 – 41) die ihm seine Familie näher brachte. Erk Petersen hätte diese, wie er in er Einführung zum Text schreibt, „als Kind bereits tief berührt“. Die Sentimentalität würde ihn noch heute ergreifen, wenn er an sein Schicksal denke. Es geht es um einen im Zweiten Weltkrieg gefallenen Verwandten, seinen Vetter Peter. Diesen konnte er nie kennenlernen. Und dieser Vetter ahnte bereits, dass er in Russland fallen würde.

Das Originelle an der Geschichte ist die Verbindung von Krieg und geologische Vorgeschichte, „gespeichert in Nordfrieslands Untergrund.“ Dieses konnte ihn, wie Petersen schrieb, „in gewisser Weise berühren“. Wie er dazu kam, war, als er an „Amplitudenmodulation“ dachte.

Eine weitere spannende Geschichte ist „Güüsche von Galmsbüll – eine Schweine- und Wundergeschichte“ (S. 83 – 93). Das Schwein Güüsche soll sich vor dem Schlachten im Langenberger Forst gerettet haben. Dazu lohnt sich, um der Geschichte nachzuspüren, ein Ausflug in den Langenberger Forst. Der ist mit etwa 1000 Hektar der größte Wald im Kreis Nordfriesland und liegt zwischen den Ortschaften Leck, Stadum und Enge-Sande.

Im Langenberger Forst soll es, wie der Autor erzählt, ein sagenhaftes Schweinetal gegeben haben. Und dort inmitten der Wildnis ereignet sich eine Art Sangria-La. Tiere leben selbstbestimmt gemeinsam mit Menschen. Schweine erreichen ohne Gefahr für Leib und Leben ein hohes Alter und können weise werden.

Im Forst liegt auch die sogenannte Rantzauhöhe, sie ist mit 45 Metern die dritthöchste Erhebung im Kreis Nordfriesland. Und eben jene Rantzauhöhe („Warkshuug“) soll, wie Erk Petersen in seiner Geschichte „Verschwünen“ („Verschwunden“; S. 77 – 81) erzählt, anziehend wirken.

Lebewesen sollen unsichtbare Leitstrahlen aussenden. Eine Gruppe Menschen gebe plötzlich ihr sesshaftes Leben auf, seltsam entrückt wie von einem inneren Feuer beseelt machen sie sich auf dem Weg, um sich möglicherweise in jene „Scharen glücklicher Eunuchen“ einzureihen, die angeblich durch die Wälder ziehen, der Zivilisation, der Bodenständigkeit, der Sexualität entsagend, um eine abgeschiedene, unwirkliche, ja unheimliche Parallelexistenz zu führen.

Noch mehr geografische Gegebenheiten und Geschichte? „Üüs Arche Noah“/“Unsere Arche Noah“ (S. 128 – 137), eine außergewöhnliche Ursprungssage zur Entstehung des Risumer Moors**, präsentiert acht unterschiedliche Erzählebenen, die weit in die Vorzeit zurückreichen. Besprochen wird die Existenz eines riesigen ‘Torfpfann-kuchens‘, der von Island aus nach Nordfriesland geschwemmt worden sei.

Für jedes Menschenzeitalter habe dieses Stück Torf eine andere Bedeutung gehabt – die ‘Gläubigen‘ der ersten Stunde hätten es als Arche-Noah-Äquivalent heiliggesprochen und sich Rettung vor einer drohenden Sintflut von seiner erhabenen Gestalt erhofft.

Später wird der Berg als Torflager benutzt und abgebaut, stets begleitet von den mahnenden Worten der übrig gebliebenen‘Gläubigen‘. In der Jetztzeit ist der Pfannkuchen abgetragen, – die Hoffnung auf Rettung ist den letzten, die noch ‘glauben‘ abhandengekommen; nicht einmal einer potenziellen Bedrohung sind sie sich noch bewusst.

Fazit: Erk Petersens Band begeistert durch Geschichtszusammenhänge eingebunden in, wie er nennt, rekonstruierte Folklore. Dieses Konzept basiert auf der Annahme, dass es in Nordfriesland, in ganz Schleswig-Holstein und in Jütland eine solche Volksmythologie und Überlieferung gegeben habe. Und dazu soll es eine Gemeinschaft gegeben haben, die einen Bedarf an dieser Mythologie hatte und ihre Weitergabe vorantrieb.

Insbesondere durch die beiden Weltkriege sei diese Überlieferung abgerissen. Petersen schreibt nun für eine (noch) fiktive Gemeinschaft, die wieder einen Bedarf an Mythologie entwickeln könnte.

Erk Petersens Antrieb, Geschichte in die Sphäre des Leser-„Gemütes zu pflanzen, auf dass sie dort weiterwachsen mögen“, ist voll gelungen. Vielen Dank für dieses Lesevergnügen!

Info:

Der Band „Deer driif en heef foont sööden jurt. En ütwool foon toochtetääle än dächte / Es trieb ein Meer vom Süden her“ kann im Online-Shop des Bredstedter Vereins Friisk Foriining e.V. bestellt werden (bitte hier klicken).

Über den Autor Erk Petersen:

Erk Petersen wird 1946 in Niebüll geboren und wächst mit Westermooringer Friesisch als Muttersprache auf. Er studiert Friesisch, Indologie und Niederlandistik in Kiel. In seiner Muttersprache schreibt er Gedichte, von denen einige zuerst in der Sammlung Friisk fees (1976) erscheinen. Außerdem verfasst er 1973 zusammen mit V. Tams Jörgensen das kleine Deutsch-Friesische Wörterbuch. 1994 übersetzt er Harke B. Feddersens Stücke für Clowns/Stöögne for klauns. Seine späteren schriftstellerischen Arbeiten – meistens kurze Geschichten – nennt er „Rekonstruierte Folklore“. Dabei lässt er sich anregen von schleswig-holsteinischen und skandinavischen Sagenmotiven, die er, phantasievoll angeeichert, in die friesische Landschaft versetzt.

* Bökingharder Friesisch (manchmal verallgemeinert auch Mooring, Eigenbezeichnung Frasch) ist eine der zehn Hauptmundarten des Nordfriesischen. Das Bökingharder Friesisch gehört zu den festlandnordfriesischen Mundarten. Der Dialekt wird auf dem Festland des Kreises Nordfriesland in der Bökingharde gesprochen. Heute gibt es wieder einige tausend Sprecher. In Risum besteht eine dänisch-friesische Grund- und Hauptschule.

** Wissenswertes über Risummoor: Risum wird gemeinsam mit Lindholm im Waldemar-Erdbuch als Bestandteil der Bökingharde erwähnt. Die beiden Orte sowie Niebüll und Deezbüll befinden sich auf einer eiszeitlichen Sanderinsel, die nach dem dort noch im Mittelalter vorhandenen Hochmoor Risummoor genannt wurde. Nachdem das Meer nach der ersten großen Mandränke 1362 bis an diese Insel vordrang, wurden die gefährdeten Teile bedeicht. Dieses Gebiet wurde später als Risummoorer Kornkoog bezeichnet. 1580 wurde der mittelalterliche Deich verstärkt.

Im 15. Jahrhundert entstanden durch den Bau eines Damms nach Stedesand der Große Kohldammer-Koog, der in Lindholm-Kohldammer-Koog und Risum-Kohldammer-Koog eingeteilt ist, 1544 der Kleine Kohldammer-Koog. Dessen Deich brach bei der zweiten Mandränke, was 402 Menschen das Leben kostete. Erst bei der Gewinnung des Maasbüller Herrenkoogs 1641 wurde die Lücke wieder geschlossen.

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