16. Januar 1864: Dänemark lässt  Ultimatum zur Aufhebung der Novemberverfassung verstreichen

Das Jahr 1864 sollte das Schicksal derHerzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg entscheiden. Und das spielte sich wie folgt ab: Am 16. Januar 1864 stellten das Kaisertum Österreich und Preußen Dänemark ein auf 48 Stunden befristetes Ultimatum. In diesem sollte Dänemark die Novemberverfassung (1) aufheben und das Herzogtum Schleswig zu räumen. Da Dänemark darauf nicht reagiert, kommt es wenige Tage später zum Deutsch-Dänischen Krieg. Ein großes Gemetzel, wie sich zeigen sollte.

Im Januar 1864 forderte der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck ultimativ die Aufhebung der Novemberverfassung. Da Dänemark dieser Forderung nicht nachkam, brach der 2. Schleswigsche Krieg aus, der ein deutsch-dänische Konflikt wurde.

Am 1. 2. 1864 marschierte ein preußisch-österreichisches Heer in das Herzogtum Schleswig ein. Am 5. 2. 1864 räumte das dänische Heer die Danewerkstellung ( Danewerk) und zog

sich in die Düppeler Schanzen zurück, die unter starkem preußischen Artilleriebeschuss gehalten wurden, bis preußische Truppen am 18. 4. 1864 die Schanzen erstürmten.

Ein Waffenstillstand und eine Vermittlungsaktion der Großmächte blieben ergebnislos. Als der Krieg im Juli wieder aufgenommen wurde, eroberten die Preußen die Insel Alsen/Als und die Österreicher ganz Jütland, so daß schließlich die dänische Regierung ihre Niederlage eingestehen musste.

Im Wiener Frieden vom 30. 10. 1864 wurden die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg an Preußen und Österreich zur gemeinsamen Regierung abgetreten.

Diese Entscheidung trug mit zur Einigung Deutschlands unter preußischer Vorherrschaft bei und ließ Dänemark zu einem Nationalstaat werden. Quelle: Inge Adriansen, aus: „Schleswig-Holstein Lexikon“, Herausgegeben von Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt und Ortwin Pelc, Wachholtz Verlag, Neumünster.

Zeitzeugenbericht

Die Stadt Tondern und die Ereignisse des Jahres 1864. Unveröffentlichte Briefe
eines Tonderner Bürgers aus bewegten Tagen. Am 10. Februar 1864 heißt es:

Am Sonntag Mittag kamen hier von Fried­richstadt 2 Batterien ohne Munition durch, Mannschaft und Pferde waren sehr verkommen, nachdem sie etwa eine Stunde hier auf der Straße gehal­ten hatten, 

zogen sie weiter nach dem Norden, mit ihnen gingen mehrere Dänen weg, unter anderen Hardesvogt Lind 15), Organist Jastrau 16) und Frau Musicus Allerup usw. Der Bürgermeister Holm 17) stellte seine amt­lichen Functionen ein, und hier bildete sich eine Art

Sicherheitswache, um Excesse zu verhüten, nichts destoweniger ging am Abend der Spectakel loß, alle Dänen wurden vor ihren Häusern mit Katzenmusik (2) begrüßt,

Fenster eingeworfen und in einem fort Hannemann heraus geschrien, der arme Lühse 14), dessen Knechte alle weg waren, wurde durch Goldschmidt Car­stensen geholfen, um eine Leiter herbei zu holen, und das Postschild vor der Thür abzunehmen, alle öffentlichen Königl. Schilder wurden abgerissen usw. Lühse reiste Montag Morgen in der Geschwindigkeit ab, es that mir so

leid, hätte ich ihn nur gesprochen, er hätte so gut hier bleiben können. Auch Frellsens und das ganze Zollpersonal, alle Schullehrer, Probst 19), Amtmann 20) Kiær sind weg,

von allen Häusern in der ganzen Stadt, selbst bei dänisch Gesinnten, wehen Fahnen in den Schleswig Hollsteinischen Farben, selbst oben am Kirchthurm, und am Süderthor.

Täglich strömen Landleute hier hin­ ein; gestern Nachmittag fand die Huldigung des Herzogs auf dem Markt statt, diesen erhebenden rührenden Auftritt vermag kaum meine Feder wiederzu­ geben. 

Während der Schnee vom Himmel fiel war der ganze Markt von Men­schen gedrängt voll, Dreyer 21) hielt von der Kellertreppe herab die Rede, 

er kam gut davon, am Ende erscholl ein sich vielemale wiederholendes Hoch von Tausenden von Menschen; wie das verklungen war, stimmten Posaunen und Hörner das Lied „Nun danket alle Gott“ an, und alle sangen in feierlicher Stille den ganzen aus 4 Versen bestehenden Gesang. Ich stand neben dem

alten Pastor Jacobsen 22) aus Neukirchen auf der Vordiele auf dem Keller und sang mit ihm aus einem Buche, während die heißen Thränen mir über die Wangen liefen. 

Nein, einen solchen Auftritt hat noch keiner von uns erlebt. Miene sah vom Rathaussaale herab, das Ganze.

Bemerkungen:

l5) August Emil Lind war Hardesvogt der Wiedingharde und wohnte nach dem Staatskalender 1863 in Neukirchen.

16) A. M. Ludwig Jastrau, gebürtig in Odense, war Organist in Tondern 1859—64.

17) Johannes Henrik Holm, Bürgermeister in Tondern von 28. 4. 1853 bis 12. 2. 1864, siehe Andresen, Bürgerbuch S. 27.

18) Niels Lyse, Posthalter in Tondern 1861.

19) Jens Matthias Lund Hjort, aus Ribe gebürtig, war Propst in Tondern vom 26. 9. 1860 an.

20) Ludwig Graf von Brockenhuus-Schack, Amtmann vom 1. 6. 1860 an,

21) Wahrscheinlich der Apotheker Ludolph Dreyer (oder Dreger), der die Hauptapotheke freilich schon 1855 an Ørnstrup verkauft hatte. Er blieb auch nach dem Verkauf zunächst in Tondern und hat auf dem Schloß- und Frei­ grunde gewohnt,

wo er als Destillateur in den 60er Jahren erwähnt wird und wo seine Mutter Sophie Dreger als Witwe nach dem Pretzer Seifen­ sieder Ernst Dreger am 22. 7. 1859 stirbt. 

Sie war als Tochter des Apothekers Peter Ludolph Bendixen Tonderaner Kind, und war nach dem Tode ihres Mannes (1844) wieder nach Tondern zurückgekehrt.

22) Pastor Hans Jacobsen, geboren in Krackebüll im Kirchspiel Hump­trup 11. 5. 1796, Pastor in Neukirchen 1824—50, 

er wurde ein Opfer des dänischen Regiments, bis er dann 1864 wieder in sein Amt eingesetzt wurde, aber schon am 13. 4. 1864 starb. Er war Mitglied der schleswig-hol­ steinischen Landesversammlung 1848—51. (Arends.)

Zum Schluß spielte die Musik: „Schleswig Hollstein“ und nun bildete sich ein endloser Zug, der sich durch die Stadt bewegte.

Von Hoyer und Kloster aus der Wiedingharde und unserer ganzen Umgegend war die Elite hier bei der Huldigung, und feierlicher und erhebender kann sie nirgends statt gefunden haben. 

Dich vermißte ich mein guter Ludwig. In Copenhagen soll es bunt hergehen, förmlich Revolution, das Militair soll auf den Bürger schießen, Amalienburg gestürmt sein, der König soll noch auf Alsen sein.

Wie soll dieß alles enden. Für uns, ich hoffe es fest, bricht eine bessere Zeit an. 

Wie Mesk aus Westerhoist mir erzählte waren die Wagen und Pferde glücklich zurückgekommen. Kauimann Madsen 23) hat nun auch die deutsche Fahne aufgehängt, ein paar seiner großen Scheiben wurden ihm vorhin eingeschlagen.

Jeden Augenblick erwarten wir hier deutsches Mili­tair. Ich bekomme auch Einquartierung wie alle Miethsleute.

Es grüßt Dich und Deine gute Frau aufs innigste
Dein Dich innigliebender Vater O. C. Hanquist.

23) Carl Bertel Madsen, aus Mögeltondern gebürtig, leistete als Kauf­mann in Tondern den Bürgereid am 17. 11. 1851 auf dänisch. Quelle

slaegtsbibliotek.dk
„Gott, welch ein Anblick!“: Der Sturm auf Schanze Nummer 2 von Düppel – von Wilhelm Camphausen  Quelle: Wikipedia/Public Domain

Fazit

Der Deutsch-Dänische Krieg dauerte nur ein Jahr. Aber er war einer jener Kriege, die zur deutschen Einheit führten. Und er war auch besonders schlimm und grausam. Rund 10.000 Soldaten starben. Es war schlimm, weil es ein sehr kalter Winter war. Es war schlimm, weil es extrem blutige Schlachten gab.

Das war der Fall, weil zum ersten Mal neue Kanonen von Krupp eingesetzt wurden, die dann in den nachfolgenden Kriegen auch eine Rolle gespielt und die Verletzungen hervorgerufen haben, die bis dahin niemand kannte.

Es war eine Zeit, in der ganz viel Neues passierte. Da traten zum ersten Mal Frauen aus besseren Familien auf, die sich patriotisch engagieren wollten, die dort in den Lazaretten als Krankenschwestern arbeiteten. Bis dahin gab es so etwas nicht. 

Dieser Post zeigt nur einen kleinen Ausschnitt des blutigen Krieges. Weitere Informationen mit neue Quellen werden folgen.

Quellen / Weiterführende Informationen

(1) Die Novemberverfassung (dän. Novemberforfatningen) von 1863 war eine gemeinsame Verfassung für das Königreich Dänemark und das Herzogtum Schleswig. Der vollständige Titel lautete Grundgesetz für die gemeinsamen Angelegenheiten des Königreichs Dänemarks und des Herzogtums Schleswigs (Grundlov for Kongeriget Danmarks og Hertugdømmet Slesvigs Fællesanliggender). Die Novemberverfassung sollte Schleswig näher an den dänischen Gesamtstaat binden. Sie löste den Deutsch-Dänischen Krieg aus, der für den dänischen Monarchen in den Verlust von Schleswig, Holstein und Lauenburg mündete.

(2) In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Katzenmusik zum Schlagwort für politische Demonstrationen. So schrieb etwa Karl August Varnhagen von Ense über den König Ernst August I. von Hannover: „Man spricht allgemein mit erbitterter Verachtung von ihm und an öffentlichen Orten hat man ohne Scheu harte Verwünschungen gegen ihn ausgestoßen: ‚Die Fenster sollte man ihm einwerfen, ein Pereat mit Katzenmusik bringen!’

Beitragsbild / Quelle: Vignette und Bild aus: „Der Schleswig-Holsteinische Krieg im Jahre 1864“ von Theodor Fontane, Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei, Berlin 1866; Landesbibliothek

Zu Theodor Fontane sei auf diesen Text im Blog hingewiesen. Dieser war während des Deutsch-Dänischen Krieges in Schleswig-Holstein, hier u.a. in Flensburg als Kriegsberichterstatter zugegen. Fontane dichtete dieses Kriegsgedicht: „Hurra, hurra,
Von der Tann ist da!
Ihr Düppelschen Schanzen, ihr Düppelschen Schanzen,
Nun gibt es mal wieder ein Stürmen und Schanzen,
Und seid ihr erst unser, dann rüber nach Alsen,
Das Fischvolk uns gründlich vom Halse zu halsen.
“ (Alle Hintergründe dazu und seine Zeit in Flensburg, hier)

Autor: Willi Schewski

Fotograf. Blogger. Autor. Fotojournalist

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