Gebäude erzählen Geschichten: Mucke, Mode, Medizin und der Tod – Die Nikolaiapotheke, Flensburg 

Wenn Gebäude reden könnten, würden sie die vielfältigsten, buntesten und verrücktesten Geschichten erzählen können. Das Leben spielt sich in den Gebäuden ab, seit Generationen und Epochen. Ob Dramen, Feste oder banaler Alltag, viele der Gebäude wahrten ihr würdiges Gesicht, während im Innern das Leben seine Spuren hinterließ.

Das Gebäude liegt in der Flensburger Innenstadt, direkt am Flensburgs wichtigstem Marktplatz, dem Südermarkt im Stadtbezirk St. Nikolai und hat die Adresse Südermarkt 12. Es gilt als ältester Profanbau der Stadt. Eine Tafel am Gebäude weist auf das Alter des Gebäude hin, „errichtet ca. 1490“. Ein Blick auf die Geschichte des Gebäudes lohnt sich:

Die Treppe des Gebäudes hat noch eine separate Tafel, die darauf hinweist, dass sie unter Denkmalschutz steht. Das Gebäude ist genau genommen ein Kaufmannsgebäude, errichtet hatte es der Lübecker Ochsenhändler Jens Lorup.

Später wurde es noch nach Westen erweitert. Historische Holzbalkendecke und die Wandmalereien im Innenren des Gebäudes erzählen von Historie und Dramen. Und auch hier hat sich eines abgespielt, doch dazu später weiter unten mehr. 

Mucke

Auf der rechten und linken Seite der zentralen Treppe, über die das Gebäude betreten werden kann, finden sich zwei steile schmale Treppen, die jeweils in einen Keller führen.

Seit dem Jahr 1877 werden diese beiden Keller als Gaststätten genutzt. Die Dielenfenster, die sich auf der Marktseite befinden, wurde im selben Jahrhundert zu Schaufenstern umgestaltet.

Mode, Medizin & der Tod

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag im vorderen Bereich des Gebäudes zum Südermarkt hin das Herrenbekleidungsgeschäft Heesch. Im hinteren Bereich des Gebäudes residierte ein Arzt mit Röntgeninstitut. Und hier sollte sich ein fürchterliches Drama ereignen, was vermutlich einige Leser-/ innen noch nicht kannten:

Der hintere Bereich des Gebäudes Südermarkt 12 (vorne beginnt die Friesische Straße), wo der LKW hineinfuhr

Wir schreiben den 13. September 1960. Ein dänischer Kühllaster will die Schleswiger Straße hinunterfahren. Bei diesem versagen die Bremsen. Wer Flensburg kennt, weiß was das bedeutet, die Landschaft ist dort nicht platt, es ist hügelig. Das Schicksal nahm seinen Lauf: Der LKW durchrollt die Rote Straße (Einkaufsstraße) und rast in die Mauer des vollbesetzten Wartezimmers des Flensburger Röntgeninstitutes.

Die Bilanz: Bei dem Unglück wurden 18 Menschen verletzt, 3 Menschen starben, darunter der LKW-Fahrer. Die Traufseite, in die der LKW-Fahrer hineinfuhr, wurde seitdem mehrfach auf Höhe des Erdgeschosses umgestaltet.

Was dann geschah?

In den 1990er Jahren schloss das Geschäft Heesch. Das exakte Jahr des Auszuges war vermutlich 1998.

Und heute: immer noch Mucke & Medizin

Das Kaufmannsgebäude lässt sich, wie beschrieben, vorne am Südermarkt 12 über eine schmale Steintreppe nach oben betreten. Im Gebäude residierten Apotheken unter verschiedenen Firmierungen, aktuell Nikolai, davor DocMorris, davor Delphin-Apotheke.

Im unteren rechten Keller können sich bei heute noch Menschen bei mehr oder weniger guter Mucke in der Nachtkneipe „Grogkeller“ abzuckeln. Und tut am nächsten Morgen der Schädel weh, gibt es ja Treppe hoch, Medizin in der Nikolai-Apotheke.

An das Unglück im Erweiterungsteil des Gebäudes, paar Meter weiter, von 1960, wo drei Menschen starben, wo sich Dramen abspielten, Menschen Angehörige verloren, Menschen schwerst traumatisiert wurden, erinnert heute nichts, kein Hinweis, kein Wink. Aber dazu gibt es ja das Blog und die Reihe „Gebäude erzählen Geschichten“.

Autor: Willi Schewski

Fotograf. Blogger. Autor. Fotojournalist

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