Nordfriesland historisch: Schobüll, Hattstedt, die Geest und der Dichter

„Schleswig-Holstein, das ist doch nur plattes Land“, mag so mancher Auswärtiger denken. Doch weit gefehlt, selbst am Rande der Marsch, in Nordfriesland, genau gesagt, in Schobüll (etwa 1600 Einwohner) bei Husum, gibt es so manche Erhebung und so manche Geschichte. Eine dieser schicken Stellen ist der „Schobüller Berg“, mit 31 Metern ü. NN einer der höchsten Punkte der schleswig-holsteinischen Nordseeküste.

Dieser „Berg“ ist bewaldet und nennt sich „Schobüller Wald“. Am Rande dieses Waldes finden sich fünf Grabhügeln, einer davon ist auf einen Foto (unten) zu sehen. die Hügel liegen meist weithin sichtbar auf natürlichen Anhöhen und prägen seit Jahrtausenden die Landschaft Norddeutschlands.

Besonders in der älteren Bronzezeit (zwischen 1.500 und 1.200 v. Chr.) war es üblich, Verstorbene in aufwändigen Hügelgräbern beizusetzen. Den Männern wurden Schwerter, Lanzen und Beile aus Bronze mit ins Grab gegeben, den Frauen bronzener Hals-, Arm- oder Gürtelschmuck oder auch Dolche.

Die Toten lagen in ihrer Tracht und mit ihren Beigaben ausgestattet in ausgehöhlten Baumsärgen, die meist von einer Steinpackung geschützt waren. Darüber wurden Rasen- und Heidesoden zu einem Hügel aufgebaut und der Hügelfuß oft von einem Steinkranz umgeben.

Der Dichter Theodor Storm und sein besonderes Verhältnis zu Hattstedt

An diesem Standort (dem 10. lt. Dorflehrpfad) am „Schobüller Wald“ soll sich 1848 der Dichter Theodor Storm (* 14. September 1817 in Husum, Herzogtum Schleswig; † 4. Juli 1888 in Hanerau-Hademarschen) zu seinem Gedicht „Abseits“ inspiriert haben. Hier der Text:

Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.

Laufkäfer hasten durchs Gesträuch
In ihren goldnen Panzerröckchen,
Die Bienen hängen Zweig um Zweig
Sich an der Edelheide Glöckchen,
Die Vögel schwirren aus dem Kraut –
Die Luft ist voller Lerchenlaut.

Ein halbverfallen niedrig Haus
Steht einsam hier und sonnbeschienen;
Der Kätner lehnt zur Tür hinaus,
Behaglich blinzelnd nach den Bienen;
Sein Junge auf dem Stein davor
Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.

Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
– Kein Klang der aufgeregten Zeit

Drang noch in diese Einsamkeit.

Theodor Storm ging einst auf dem Weg zwischen Hattstedt und Schobüll spazieren und ließ sich zu dem Gedicht inspirieren. Damals konnte er von diesem Punkt die Hattstedter Kirche sehen.

Am Ende des Gedichtes heißt es „… Kein Klang der aufgeregten Zeit„. Als er dieses schrieb, 1848, war es in der Tat eine „aufgeregte Zeit“. Es begann die sogenannte „Schleswig-Holsteinische Erhebung„, eine von der Mehrheit der Staaten des Deutschen Bundes unterstützte politische und militärische Auseinandersetzung der deutschen Nationalbewegung in den Herzogtümern Schleswig und Holstein mit dem Königreich Dänemark. Sie dauerte von 1848 bis 1851.

Storm engagierte sich während der Schleswig-Holsteinischen Erhebung ab 1848 gegen die dänische Herrschaft. Auch nach dem Friedensschluss von 1850 zwischen Dänemark und Preußen nahm Storm eine unversöhnliche Haltung gegenüber Dänemark ein.

Deshalb entzog ihm 1852 der dänische Schleswigminister Friedrich Ferdinand Tillisch die Advokatur. 1853 sprach man ihm in Berlin eine unbezahlte Anstellung im Kreisgericht von Potsdam zu. Erst nach der Niederlage Dänemarks im Deutsch-Dänischen Krieg zog Storm 1864 nach Husum zurück.

Doch zurück zur besondere Verbundenheit zwischen Hattstedt (das 10 Km nördlich von Husum liegt) und Theodor Storm:

Die Novelle Der Schimmelreiter von Theodor Storm spielte im Raum Hattstedt, welche die Bodenständigkeit und Gegebenheiten von Land und Leuten dieser Gegend widerspiegelt und über die Grenzen hinaus bekannt gemacht hat. Theodor Storm war sehr häufig in Hattstedt zu Gast, der Sohn des Hattstedter Pastors besuchte mit ihm gemeinsam die Gelehrtenschule in Husum.

Die besondere Verbundenheit Storms mit Hattstedt fand in verschiedenen Werken Storms ihren Niederschlag. So könnte der Hattstedter Kirchturm in der Erzählung „Aquis submersus“ als Vorbild gedient haben, wo es heißt: „Der graue spitze Kirchturm“ „bis an das Schindeldach… aus Granitquadern aufgebaut“. Gleiches soll auch gelten für Beschreibungen in „Der Schimmelreiter“ und dem Fragment „Die Armesünderglocke“.

Die Beziehung Storms zu Hattstedt war auch durch persönliche Erlebnisse des Dichters geprägt. So heiratete Storm in Hattstedt im Juni 1866 seine zweite Frau Dorothea. Die Hochzeit fand allerdings nicht in der Kirche statt, sondern auf dem Grundstück Lindenweg 1 unter den sogenannten „Storm-Linden“ statt. Diese stehen noch heute.

Die dortige Örtlichkeit findet sich ebenfalls in „Aquis submersus“; das Epitaph zu dieser Novelle aber hängt in der Kirche in Drelsdorf.

Man sieht: Ein Besuch würde sich lohnen.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s