Gebäude erzählen Geschichten: Der „Büsum-Finger“

Neuer Beitrag in unserer Reihe Gebäude erzählen Geschichten. Heute beschäftigen wir uns mit dem Hochhaus Büsum im Kur- und Badeort Büsum, direkt an der Nordseeküste im Kreis Dithmarschen gelegen. Das Gebäude, von dem die Rede ist, ist mit seiner Höhe von etwa 85 Metern das vermutlich höchste Gebäude an der deutschen Nordseeküste in Schleswig-Holstein. Die Geschichte um das umstrittene Bauprojekt, das vor rund 50 Jahren fertiggestellt wurde, gleicht einer Provinzposse.

Das 22-stöckige Hochhaus mit rund 200 Wohnungen dient heute als Landmarke bzw. zur Wiedererkennung und ist selbst von Cuxhaven oder Eiderstedt zu sehen.

Zur Geschichte: Der Hamburger Bauherr Warnholz verkündete mit diesem Objekt den „Beginn einer neuen Ära für Büsum“, laut Zeitungsbericht aus dem Jahr 1971. Geplant war, im obersten Stockwerk ein Café in fast 67 Metern Höhe zu eröffnen. Nicht nur in der Büsumer Bevölkerung war das Gebäude damals äußerst umstritten. Und auch die Baugenehmigung der Büsumer Gemeindevertretung konnte sich das Bau-Unternehmen nur mit einem „Trick“ sichern. 

Der ehemalige Chefredakteur der Dithmarscher Landeszeitung, Eugen Speyer (1939 bis 2013), schrieb vor 25 Jahren dazu:

„Tatsache ist, dass niemand in Büsum diesen Riesenfinger am Ende des Hauptstrandes so recht wollte. Doch die Kröte musste von den Kommunalpolitikern geschluckt werden, weil das damals

fremdenverkehrswirtschaftlich explodierende Büsum dringend ein Tagung- und Kongresszentrum mit angeschlossenem Hotel brauchte. Die Lösung wurde in einem Handel zwischen der Gemeinde und einem Hamburger Bauunternehmer gefunden. 

Das Kongresszentrum für 300 Besucher plus einem 60 Betten-Hotel sollte auf Kosten des Hamburger Unternehmens entstehen. Die Kongresshalle sollte dort gebaut werden, wo heute das Hotel Friesenhof steht. Für diesen Liebesdienst erlaubte Büsum im Gegenzug dem Hamburger Unternehmen, ein 22-Etagen-Hochhaus zu errichten.

Doch vor der Kongresshalle baute das Hamburger Unternehmen erst einmal das Hochhaus. Erster Spatenstich war 1970. Im Oktober 1972 war der Büsum-Finger dann schließlich fertig und die ersten Bewohner zogen in die zwischen 39 und 63 m² großen Wohnungen ein.

Ein halbes Jahr vorher wurde jedoch das geplante Hotelprojekt mit Kongresshalle auf Eis gelegt, wie es offiziell aus dem Büsumer Rathaus verlautet, und zwar weil es bei der derzeitigen Zinsenlage keinerlei vernünftige Finanzierungsmöglichkeit gebe.

In Wirklichkeit war es ganz anders, wie später herauskam: Das Kleingedruckte in der Vereinbarung eröffnete dem Bauunternehmen die Erlaubnis zum Hochhausbau mit verdeckter Ausstiegsklausel für die Kongresshalle. Die war offensichtlich von der Gemeinde nicht genau gelesen worden.

Die Hamburger Firma bot Büsum 360.000 D-Mark als Ablöse aus der Verpflichtung zum Kongresshausbau – was vertragsrechtlich einwandfrei war. 

Statt Geld nahm aber Büsum vom Bauträger das lukrativere Angebot einer Übertragung des Hochhauscafé-Geschosses an. Aber auch das endete mit einer Enttäuschung:

Die Gemeinde hielt vergeblich nach einem geeigneten Pächter Ausschau, keiner wollte ein Café in luftiger Höhe betreiben. So ließ Büsum das Café-Geschoss auf eigene Rechnung zu Eigentumswohnungen umbauen, um durch deren Verkauf wenigstens noch einige Mark retten zu können.

 Der Großteil der Eigentumswohnungen, die zwischen 39 bis 63 m² groß sind, drei weitere bis 90 m² in der obersten Etage, wird heute touristisch genutzt. Die Ferien-Appartements sind sehr begehrt – nirgendwo sonst hat man einen schöneren Blick über die Nordsee, das Wattenmeer und auf Büsum.

Und an den Anblick des Büsumer Fingers habe sich die meisten nach 50 Jahren gewöhnt – Büsums Hochhaus ist inzwischen vielleicht sogar eine weithin sichtbare Sehenswürdigkeit. Quelle: Dithmarscher Landeszeitung

Der „Büsum-Finger“ liegt westlich des Ortszentrums von Büsum. Er steht hinter dem Seedeich, der hier den grünen Strand von Büsum bildet. Davor liegt die künstliche Insel Perlebucht bzw. Familienlagune. Das Hochhaus überragt die Häuser und den Leuchtturm Büsum um ein Mehrfaches.

Foto: Hochhaus Büsum vom Watt aus gesehen; Autor: F.-W. Trottmann – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=83177826

Autor: Willi Schewski

Fotograf. Blogger. Autor. Fotojournalist

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