Flensburg: Stolpersteine Norderstraße 145

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln, sogenannten Stolpersteinen, soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus (NS-Zeit) verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Familie Fertig
Herr Isaak Fertig geboren am 31.05.1886 in Galizien*
Sara Fertig, geborene Goldberg, 16.10.1893 in Galizien
Rosa, geboren am 18.06.1922 in Westerrönfeld bei Rendsburg
Max, geboren am 04.08.1924 und Leo am 05.02.1931 in Flensburg

Über die Familie Fertig ist folgendes bekannt: Isaak und Sara Fertig zogen wenige Monate nach der Geburt von Tochter Rosa nach Flensburg. Die Familie hatte einen kleinen Leder- und Schuhwarenhandel in der Norderstraße (siehe Foto, Aufnahme Jan. 2023). Durch den beginnenden Boykott zu Beginn der Nazi-Zeit (niemand kaufte mehr in jüdisch geführten Geschäften) musste die Familie das Geschäft schließen und zog nach Hamburg.

In Hamburg gab es mehrere jüdische Gemeinden mit eigenen Schulen und Hilfseinrichtungen sowie viele Konsulate. Durch die Konsulate erhofften sich viele Juden Visa für eine Auswanderung aus Deutschland.

Die Familie wohnte in der Hallerstraße in Hamburg, wo Isaak eine Hauswartstelle hatte. Sein Verdienst war so gering, dass sie auf Unterstützung der jüdischen Gemeinde angewiesen waren.

Ihr Sohn Max wurde in einem Israelitischen Waisenhaus untergebracht. Tochter Rosa besuchte eine jüdische Haushaltungsschule, bis sie im Juli 1938 zu ihrem Onkel in die USA auswandern konnte. Die Bemühungen um Visa für die übrigen Familiemitglieder blieben erfolglos.

Ende Oktober 1938 wurden viele Juden aus Hamburg gewaltsam nach Polen abgeschoben, darunter auch Isaak, Sara, Max und Leo Fertig. Sie mussten ihr gesamtes Hab und Gut zurücklassen und kamen im polnischen Nadnia unter.

Nach der zwangsweisen Verschleppung zogen die Fertig´s in einen Ort in die Nähe von Lodz. Dorthin wurden ihnen mit Hilfe von jüdischen Organisationen ihre zurückgelassenen Kleidungs- und Wäschestücke nachgeschickt.

Die Familie sollte nicht lange in Ruhe leben können. Im Mai 1940 errichtete die Deutsche Besatzungsmacht ein Ghetto in Lowicz. Im März 1941 wurde die jüdische Bevölkerung in das Warschauer Ghetto umgesiedelt.

Isaak, Sara, Max und Leo Fertig wurden wenig später in einen Ort nordöstlich von Lublin verschleppt.

Rosa Fertig erhielt als letztes Lebenszeichen eine Postkarte, geschrieben am 2. Oktober 1941 von ihrem Vater.

Quellen / Weiterführende Informationen

Beitragsbild: 4 Steine vor dem Haus in der Norderstraße 145 erinnern an Isaak, Sara, Max und Leo Fertig.

Juden in Flensburg, Bettina Goldberg unter Mitarbeit von Bernd Philipsen; Schriftenreihe der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte; Band 62; S. 92 ff.
Flensburger Beiträge zur Zeitgeschichte Band 3, Titel Ausgebürgert, Ausgegrenzt, Ausgesondert, Beitrag: Jüdische Opfer des Nationalsozialismus, Bernd Philipsen, Hg. Stadtarchiv Flensburg u.a., Flensburg 1998, hier S. 247 – 249

*Galizien (polnisch Galicja, ukrainisch Галичина Halytschyna, jiddisch גאַליציע Galitsye) ist eine historische Landschaft in Südpolen und der Westukraine. Galizien entstand 1772, als Polen geteilt wurde und Österreich das Gebiet annektierte; der „Economist“ beschrieb Galizien einmal als „erfolgreiche österreichische Erfindung“, die 1918 ihr Ende fand. Das östlich des Flusses San gelegene Gebiet mit Lemberg fiel an die Sowjetunion und bildete bis 1991 einen Teil der ukrainischen Sowjetrepublik. Heute gehört es zur Republik Ukraine. Das kleinere Westgalizien mit der alten polnischen Hauptstadt Krakau ist seit 1945 wieder Teil des polnischen Staates.

Autor: Willi Schewski

Fotograf. Blogger. Autor. Fotojournalist

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