Rückblick: Flensburg am 1. Mai 2021- ein geschichtsträchtiger Tag

Die Maikundgebung der Gewerkschaft im Jahr 2021 in Flensburg auf dem Südermarkt darf im doppelten Sinne als geschichtsträchtig bezeichnet werden

Frei von Schuld am Scheitern des demokratischen und sozialen Experiments von Weimar waren die Gewerkschaftsführer mitnichten“ Professor Dr. Michael Ruck, Flensburg. Wir erinnern: Das Coronavirus herrscht und es gibt deutschlandweit massive Einschränkungen der Grundrechte: Kontaktbeschränkungen, Maskenpflicht und Abstandsgebot. Wegen der Coronamaßnahmen konnten sich am 1. Mai 2021, dem Maifeiertag, auf dem Flensburger Südermarkt nur 100 Menschen versammeln. Neben dem aktuellen Ereignis gab aber auch es ein zweites markantes Datum – und dieses betraf die Geschichte der Flensburger Gewerkschaft. Einen Tag nach dem Maifeiertag, am 2. Mai 1933, geschahen in Flensburg unschöne Dinge:

Mitglieder der SA und der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation besetzten am 2. Mai 1933 in einer präzise vorbereiteten Aktion Büros und Redaktionshäuser der im ADGB organi­sierten Freien Gewerkschaften. Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter wurden in „Schutzhaft“ ge­nommen und das Gewerkschaftsvermögen beschlagnahmt. 

Hans Nielsen (1904-1982), Schlosser, Gewerkschaftler und Mitbegründer der Sozialistischen Arbeiterpartei (1) schildert in seinen Erinnerungen:

Am Morgen des 2. Mai hörte ich auf der Straße, dass die Nazis das Gewerkschafts­haus besetzt haben sollen. Zuerst glaubte ich an ein leeres Gerücht. Um mich per­sönlich zu überzeugen, ging ich durch die Burgstraße, und da hörte ich schon von weither `Gesang´ und Heilrufe. Also war es nicht nur ein Gerücht. Dann stand ich an der Ecke Burg- und Schloßstraße beim Logenhaus und sah mir das Schauspiel an.

Die Fenster standen weit offen und überall hingen die SA-Leute aus den Fenstern und gröhlten `Heil Hitler´ und sangen das Horst-Wessel-Lied. (…) Mich traf die Gleich­schaltung der Gewerkschaften und ihre kampflose Kapitulation schwer, ja schwerer noch als die Auflösung und das Verbot der Parteien.(…) Wohin ich auch sah – nichts als Trümmer. Die Fundamente, auf die ich mein Leben aufgebaut hatte, erwiesen sich als nicht mehr tragfähig.

Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter gehörten zu den frühesten und aktivsten Gegnern des Nationalsozialismus. Viele von ihnen bezahlten Widerspruch und Widerstand mit der Inhaftierung in Konzentrationslagern.

Professor Dr. Michael Ruck von der Uni Flensburg wurde vom DGB Schleswig-Holstein Nord gebeten, sich in einem Vortrag* mit der Rolle der Gewerkschaften selbst auseinanderzusetzen. Es ging um diese Fragestellungen:

Wie reagierten sie auf die in den 1930er Jahren politisch immer stärker werdenden Nationalsozialisten? Welche innergewerkschaftlichen Konflikte gab es? Wieso riefen sie noch zur Kundgebung am 1. Mai 1933 auf, obwohl die Nationalsozialisten den Tag längst zum „Tag der nationalen Arbeit“, zum „Tag der Volksgemeinschaft“ erklärt hatten?

*Auszug aus dem Vortrag: „1933 – Schlusspunkt eines Irrwegs?„:

„…. Mit der Teilnahme am nationalsozialistischen Maispektakel hatte die gewerkschaftliche „Kapitulation auf Raten“38 ihren Höhe- und Endpunkt erreicht. Dieser Anpassungskurs ist vor allem von der „marxistisch-leninistischen“ Geschichtsschreibung als Verrat gegeielt worden, der sich zwangsläufig aus den Sündenfällen der reformistischen Partei- und Gewerkschaftsführer von 1914 und 1918/19 ergeben habe.

Demgegenüber gilt es zwei Dinge festzustellen:

Erstens gibt es keinen Anlass, an den lauteren persönlichen Motiven jener Männer in den Vorstandsetagen der Gewerkschaften zu zweifeln, die sich – wie so viele andere auch – den hohen Ansprüchen, welche die historische Ausnahmesituation an sie stellte, letzten Endes nicht gewachsen zeigten.

Und zweitens hat nicht etwa die Arbeiterbewegung, jedenfalls nicht die demokratische, die erste deutsche Republik unterminiert und die Überreste den Nazis ausgeliefert – das besorgten die alten, konservativ-reaktionären Eliten in Wirtschaft und Politik, Verwaltung und Justiz, Wissenschaft und Militär ganz allein.

Doch frei von Schuld am Scheitern des demokratischen und sozialen Experiments von Weimar waren die Gewerkschaftsführer mitnichten. Es lassen sich schwere Fehler und Versäumnisse benennen, mit denen sie dessen Feinden auf der Rechten und im Unternehmerlager das unheilvolle Spiel erleichtert haben.

Quellen:

DGB (pdf)

(1) Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) war eine sozialistische Partei im deutschen Kaiserreich. Sie entstand 1875 aus dem Zusammenschluss der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) und des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV). Ihre Geschichte war zwischen 1878 und 1889 geprägt von den Auswirkungen des deutschen Sozialistengesetzes. Nach dessen Ende benannte sich die Partei 1890 in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) um, wie sie bis heute heißt.

4 Luftballons, auf Gehweg rote Markierung als Abgrenzung zum Veranstaltungsgelände, Aufnahme vom 01.05.2021, Flensburg-Innenstadt, Südermarkt

Foto: Das Ganze wirkte gespenstisch: Das Veranstaltungsgelände, wo sich die maximal 100 Menschen auf dem Südermarkt versammeln durften, wurde mit Kreidemarkierungen auf dem Steinboden und durch Absperrbändern markiert.

Beitragsbild: Symbolischer „Eingang“ zum Veranstaltungsgelände der Gewerkschaft auf dem Flensburger Südermarkt, rechts Desinfektionsmittel, Aufnahme vom 01.05.2021 (Quelle).

Text am 9.12.2022 aktualisiert

Autor: Willi Schewski

Fotograf. Blogger. Autor. Fotojournalist

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