Flensburg: Kleine Sauermannsche Haus- und Hofgeschichte

Wer als Einwohner oder Gast Flensburg kennt, schätzt die vielen Höfe der Innenstadt. Die meisten sind schick restauriert (z. B. Rote Straße), einige wenige schäbig leer stehend. Ein nicht mehr so schicker ist der Sauermannhof am Holm. Dabei steht dieser für eine spannende Kaufmanns- und Kunst-Geschichte, die an mehreren Stellen Flensburgs spielt und über die nun hier berichtet wird.

Unsere kleine Sauermannsche Haus- und Hofgeschichte spielt an drei Orten in der Flensburger Innenstadt, am Holm 62, dem Südergraben 47** und dem Museumsberg. Sie beginnt in der Innenstadt, am Holm, Flensburgs großer Einkaufsstraße (seit 1977 Fußgängerzone).

Der Holm verbindet zusammen mit der Großen Straße die beiden Kirchen Sankt Nikolai am Südermarkt und Sankt Marien am Nordermarkt.

Gehen wir auf der linken Seite den Holm entlang, Richtung Norden, stoßen wir nach etwa 50 Meter auf das Gebäude mit der Hausnummer 62. Zur Orientierung, gleich gegenüber sehen wir die Holmpassage (siehe Foto).

Hans Heinrich Thomas Sauermann – ein Mann hinterläßt Spuren

Hinter dem Vorderhaus am Holm 62, erbaut um 1740, erstreckt sich eine Hofanlage, der Sauermannhof (siehe Beitragsfoto oben). Die Hofanlage wurde im späten 19. Jahrhundert, ab 1881 in Gelb- und Rotsteinmauerwerk errichtet.

Hier beginnt der Kern unserer Geschichte, liegen hier doch die Anfänge der Möbelfabrikation des Museumsgründers Heinrich Sauermann. Der Hof steht seit ca. 20 Jahren leer. Er steht kurz vor dem Verfall. Mitte 2020 wurden Pläne bekannt, den Hof zu sanieren. Er gelte „als Kulturdenkmal besonderer Bedeutung“ (shz). Es wurden kurzfristig erste Sicherungsmaßnahmen an der Bausubstanz vorgenommen (Stand 2020).

Wer ist Hans Heinrich Thomas Sauermann? Er wurde am 12. März 1842 in Flensburg geboren und starb am 3. Oktober 1904 (ebd.). Er war ein deutscher Sattlermeister, Möbelfabrikant und Museumsdirektor und gilt als der wichtigste Vertreter der Möbelkunst des Historismus Schleswig-Holsteins. Seine Geschichte ist lang, sie wird hier nur verkürzt wiedergegeben.

Sauermann ging auf eine Privatschule und absolvierte von 1858 bis 1862 eine Ausbildung bei dem Sattler- und Riemenmeister Mönkeberg in Hamburg. Nach Abschluss der Ausbildung arbeitet er in Stuttgart.

1866 zog es ihn nach Paris wo er im Cluny-Museum zeichnete. Insbesondere hier wäre ihm der Stellenwert das alten Kunsthandwerks in der seinerzeit modernen Formensprache bewusst geworden (1).

Zurück Nachhause zum Holm 62:

Ende 1866 ging Sauermann wieder nach Flensburg und arbeitete im Unternehmen seines Vaters. Dieses trug nun den Titel „P. E. Sauermann & Sohn, Sattler- und Tapeziergeschäft Holm 806“. Er legte die Meisterprüfung ab und übernahm danach die alleinige Geschäftsführung.

Mit der ab 1867 existierenden Gewerbefreiheit erweiterte er das Unternehmen schrittweise zu einer Möbelfabrik. Mitte der 1870er Jahre produzierte er zunehmend geschnitzte Möbel und Einrichtung.

Vom Holm 62 zum Südergraben 47 zur „Staatlich unterstützten Fachschule für Kunsttischler und Bildschnitzer“

1825 baute Sauermann auf dem Gelände seines Vaters im Südergraben eine dreigeschossige Fabrik (siehe Foto). Die Möbelfabrikation hatte anfangs ungefähr 20 Angestellte.

In dem neuen Gebäude arbeiteten nun dreißig Tischler, mehrere Bildschnitzer und zwei Tapezierer.

1889 kam es zu einem langen Streik, durch den die Produktion zum Erliegen kam. Sauermann realisierte daher, unterstützt von seinem Förderer, dem Regierungsrat Carl Christian Lüders, den Plan, das Unternehmen zu „Staatlich unterstützten Fachschule für Kunsttischler und Bildschnitzer“ umzuwidmen.

** Villa Sauermann (Südergraben 47) – Deutschlands erste Werkstattschule

Der Architekt Heinrich Moldenschardt entwarf für Sauermann seine Villa, die 1884 auf dem Gelände der Fabrik entstand. Sauermann selbst finanzierte daneben ein weiteres dreistöckiges Bauwerk, das am 1. Oktober 1890 eröffnet werden konnte. Es handelte sich um Deutschlands erste Werkstattschule.

Das preußische Handelsministerium ernannte Sauermann 1891 zum Direktor. Die Schule brachte einen berühmten Schüler hervor: Emil Nolde. Dieser lernte bei Sauermann von 1884 bis 1888. Er beschwerte sich, bereits bevor die Schule existierte, dass die Anforderungen unverantwortlich hoch seien.

Heinrich Sauermann Haus auf dem Museumsberg

Sauermann sammelte vorbildliche historische Gegenstände des Kunsthandwerks. Es handelte sich insbesondere um geschnitzte Möbel und Möbelteile. Die Stadt Flensburg erwarb diese 1876. Sie bildete die Basis für das Flensburger Kunstgewerbemuseum.

Im März 1903 wurde er dessen erster Museumsdirektor. Seine Werkstätten zogen in dessen Souterrain ein. Das Dachgeschoss beherbergte die Lehrräume der Schule.

Noch heute ist die Sammlung Teil des Museumsberges Flensburg (siehe Foto: Blick auf den Museumsberg, im Vordergrund Fritz-Wempner-Platz, gelegentlich auch Theaterplatz genannt, im Kreuzungsbereich Nordergraben, Südergraben, Rathausstraße).

1975 wurde die Villa Sauermann zu einer Anwaltspraxis umgebaut (2). Eine optisch passende Wetterfahne auf dem Dach verdeutlicht diese noch heutige Nutzung des Gebäudes.

Eine angebrachte Gedenktafel (siehe Foto) erinnert heute daran, dass Heinrich Sauermann in dem Gebäude lebte und wirkte.

Foto: Die Tafel wurde für den Flensburger Verschönerungsverein FVV von dem Künstler Siegbert Amler (Glücksburg) 2001 angefertig. Sie ist auf der rechten Seite des Wohnhauses von Heinrich Sauermann angebracht.

Soweit unsere kleine Sauermannsche Haus- und Hofgeschichte. Hat Sie Ihnen gefallen? Unterstützen Sie bitte unsere Arbeit mit einer Spende. Danke!

Alle Fotos (c) Willi Schewski

Text-Quelle (1) Ulrich Schulte-Wülwer: Sauermann, Heinrich. In: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 10. Wachholtz Verlag, Neumünster 1994, S. 336.

(2)  Lutz Wilde: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmale in Schleswig-Holstein. Band 2, Flensburg, S. 378 f.

Autor: Willi Schewski

Fotograf. Blogger. Autor. Fotojournalist

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