6. Dezember 1941: Mindestens 135 Juden werden aus Schleswig-Holstein deportiert

Am 30. November 2001 wurde in der lettischen Hauptstadt Riga eine Gedenkstätte eingeweiht. Sie erinnert an die mehr als 25.000 Juden, die während der Zeit des Nationalsozialismus aus allen Teilen des Deutschen Reiches in das Ghetto von Riga verschleppt und fast ausnahmslos ermordet wurden. Mindestens 135 von ihnen waren am 6. Dezember 1941 aus Schleswig-Holstein deportiert worden.

Die Betroffenen stammten aus Ahrensburg, Bad Schwartau, Elmshorn, Kiel, Lübeck, Ratzeburg und Rendsburg. Nur neun von ihnen, sechs Männer und drei Frauen, überlebten den Holocaust. Im Weiteren spüren wir die Geschichte der deportierten Jüdinnen und Juden aus Kiel nach.

Am 6. Dezember 1941 fanden die erste Deportation von nach heutigen Kenntnissen 38 Kieler Jüdinnen und Juden von insgesamt 41 Personen1 statt. Ziel dieses Transportes war das Konzentrationslager „Jungfernhof“ (Jumpravmuiza) bei Riga im „Reichskommissariat Ostland“ (1). Diese Menschen wurden zwei Tage zuvor im Luftschutzkeller des Rathauses (heute Druckerei) interniert. Somit zählt auch dieses zu den authentischen Tatorten.

Diesem folgte eine zweite Deportation von 37 Jüdinnen und Juden, darunter 9 Kielerinnen und Kieler, ins Ghetto Theresienstadt. Die Deportationen waren Vorstufe zur Ermordung auch fast aller aus Kiel verschleppten Jüdinnen und Juden:

Hatten die katastrophalen Bedingungen Kälte, mangelhafte Ernährung und sich rasch ausbreitende Krankheiten bereits in den ersten Wochen schon zum Tod von 800 Menschen in Jungfernhof geführt, wurden am 26. März 1942 1700-1800 Menschen, vor allem ältere Männer, Frauen und Kinder, im Bikernieki-Wald (Hochwald bei Riga) durch Massenerschießungen getötet („Aktion Dünamünde“). Etwa 90 % der aus Schleswig-Holstein stammenden Jüdinnen und Juden fielen diesem Verbrechen zum Opfer. Lediglich fünf von hier stammende Deportierte erlebten eine Befreiung, davon zwei aus Kiel.

Von den 1942 aus Schleswig-Holstein nach Theresienstadt gebrachten 134 Menschen wurden 126 ermordet, davon 73 im Ghetto selbst sowie 53 in den Vernichtungslagern Treblinka, Auschwitz und Maly Trostinez bei Minsk.

1925 hatte die jüdische Gemeinde 600 Mitglieder, dies entsprach 0,3 % der Kieler Bevölkerung. Durch die Reichspogromnacht 1938 und die Deportationen seit 1941 wurde dieses Zentrum jüdischen Lebens in Schleswig-Holstein nahezu vollständig zerstört: Insgesamt wurden 240 Jüdinnen und Juden nachweislich Opfer der NS-Verfolgung. 1946 lebten nur noch 36 Jüdinnen und Juden in der Stadt.

Quelle: Goldberg, Bettina: Die Deportation nach Riga-Jungfernhof am 6.Dezember 1941, S. 483; in dies.: Abseits der Metropolen. Die jüdische Minderheit in Schleswig-Holstein, Neumünster 2011

Hierzu auch lesen im Blog: Sagen und Legenden in Schleswig-Holstein: Seufzende Seelen am Kleinen Kuhberg in Kiel

(1) Das Gut Jungfernhof (Lager) (lettisch Jumpravmuiža) war ein behelfsmäßiges SS-Lager für vier Ende 1941 ankommende Transporte von insgesamt etwa 4000 deportierten Juden aus dem „Großdeutschen Reich“ ins „Reichskommissariat Ostland“, den heutigen baltischen Staaten. Das Lager bestand bis 1944, als die wenigen überlebenden Häftlinge in das Ghetto Riga verlegt wurden. Heute erinnern nur noch wenige Überreste an das Lager. Es lag eineinhalb Kilometer südlich des Güterbahnhofes Šķirotava und ca. 12 Kilometer vom Rigaer Stadtzentrum entfernt im Südwesten der Straße zwischen Riga und Daugavpils in der Gemeinde Katlakalns am östlichen Ufer der Düna.

Beitragsbild: Symbol

Autor: Willi Schewski

Fotograf. Blogger. Autor. Fotojournalist

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