Husumerin Dörte Hansen neue Mainzer Stadtschreiberin 2022

Der von ZDF, 3sat und der Landeshauptstadt Mainz vergebene Literaturpreis wurde am Mittwoch, 9. März 2022, in der Glaskuppel des Mainzer Theaters an die in Husum (Kreis Nordfriesland) lebende Schriftstellerin Dörte Hansen verliehen. Damit hat sie ihr Amt als Mainzer Stadtschreiberin 2022 angetreten. 

Dr. Norbert Himmler, Programmdirektor ZDF, und Michael Ebling, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Mainz, begrüßten gemeinsam die neue Stadtschreiberin der Landeshauptstadt. 

Mit ihren messerscharf beobachteten Stadt-Land-Panoramen erzählt Dörte Hansen unsere Zeit und trifft dabei einen Nerv„, sagte Norbert Himmler in seiner Rede. „Sie zeigt ein tiefes Gefühl von Fremdheit, Verlassensein, von der Unmöglichkeit anzukommen, zu bleiben, sich sicher zu fühlen. Und sie zeigt auch Wurzeln dieser Beunruhigung: Sie führen zurück in Krieg und Vertreibung und wirken noch nach Generationen nach.“ 

Der renommierte Literaturpreis wird seit 1985 jährlich vergeben und ist mit 12.500 Euro dotiert und die Stadtschreiberinnen oder Stadtschreiber erhalten ein Wohnrecht im historischen Teil des Gutenberg-Museums. Michael Ebling sagte: „Das besondere an unserem Stadtschreiber-Literaturpreis ist, dass die Preisträgerinnen und Preisträger neben der Ehrung und dem Geldpreis auch ein Jahr lang das uneingeschränkte Wohnrecht in unserer Stadtschreiberwohnung erhalten – im Dachgeschoss des ʹRömischen Kaisersʹ, der zu unserem Weltmuseum der Druckkunst gehört, mitten im Herzen von Mainz„.

In seiner Laudatio beschreibt Andreas Platthaus, Journalist, Autor und Chef des Ressorts Literatur und literarisches Leben der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, das Werk von Dörte Hansen so:

Wer kann das schon? Fürs große Publikum schreiben und dabei große Prosa? Dörte Hansen ist das mit ihren Romanen ‚Altes Land‘ und ‚Mittagsstunde‘ gleich zweimal gelungen. Genauigkeit des Blicks geht darin jeweils einher mit Zuneigung zu den Figuren, selbst zu den Eindringlingen in jene norddeutsch-dörfliche Beschaulichkeit, die Dörte Hansen mit scheinbar melancholischer Bewunderung heraufbeschwört, ehe sie sie dann mit satirischer Lust demaskiert. Die neue Mainzer Stadtschreiberin steht für die zeitlosen Qualitäten von Literatur: Witz und Sprach- und Stilgefühl.“  

In der Jurybegründung heißt es: „Dörte Hansen wird von Leserinnen und Lesern, Literaturkritikerinnen und -kritikern gleichermaßen geliebt und gelobt. Hansen beherrscht es meisterlich, in ihren Romanen unsentimental und lebensnah davon zu erzählen, wie es ist, sich nach der ländlichen Heimat zu sehnen und zugleich von ihr davonlaufen zu wollen. Dörte Hansen schreibt keine Heimatidyllen, sondern eher bitterzarte Dorfromane in einer Welt, die zu verschwinden droht.“ 

Drei Fragen an Dörte Hansen:

Frau Hansen, Sie werden als Mainzer Stadtschreiberin ein Domizil weit südlich Ihrer Heimat Norddeutschland beziehen. Was interessiert Sie besonders an der Stadt Mainz? Was kennen Sie schon und was möchten Sie zuerst kennenlernen?

Ich kenne Mainz wirklich gar nicht und bin sehr gespannt auf die Stadt. Mit dem Stadtschreiberinnen-Domizil habe ich den perfekten Ausgangspunkt für meine Erkundungen. Ich werde also mit dem Gutenberg-Museum anfangen, mir die Altstadt erwandern, und dann werde ich das tun, was ich immer tue, wenn ich mich irgendwo länger aufhalte: das Wasser suchen. Ich freue mich auf den Rhein – aber noch mehr auf die Menschen in der Stadt und auf die Mainzer Lebensart. Mal sehen, wie das zusammenpasst, das Nordfriesische und das Rheinland-Pfälzische!

In Ihren Romanen steht das Landleben im Mittelpunkt. Und nur vorübergehend halten es Ihre Protagonisten in der Stadt aus. Gibt es denn den Stadt- oder den Landmenschen? Und wo sehen Sie sich selbst?

„Ich glaube, dass die meisten von uns mittlerweile nicht mehr eindeutig Stadt- oder Landmenschen sind. Was mich betrifft: Ich lebe zwar im Dorf, spreche Plattdeutsch mit den Nachbarn und freue mich über die Natur und den Freiraum um mich herum. Aber ich baue weder Gemüse an, noch bin ich im Schützenverein oder bei den Landfrauen aktiv. Ich lebe einfach mein Schriftstellerinnenleben auf dem Land. Umgekehrt kenne ich viele, die in der Stadt leben, im Schrebergarten Hühner halten, Kartoffeln und Tomaten ziehen und in ihren Nachbarschaften ein dorfähnliches Miteinander haben. Die meisten von uns bedienen sich ein bisschen aus beiden Welten, glaube ich. Oder pendeln, je nach Lebensphase.

Die Themen Heimat, Herkunft, Zugehörigkeit sind in Ihren Romanen von großer Bedeutung, und der Erfolg Ihrer Bücher zeigt, dass viele Menschen das Interesse daran mit Ihnen teilen. Glauben Sie, dass wir diese Themen gerade neu überdenken, weil wir die Nachteile einer globalisierten Welt erleben?  

Die Frage, die mich – und offenbar auch viele andere Menschen – umtreibt, ist: Wer sind wir, und was tun wir, wenn die alten gesellschaftlichen Gefüge verschwinden? Wo „verorten“ wir uns beispielsweise, wenn wir geografisch und biografisch überhaupt nicht mehr festgelegt sind, wenn da kein Hof ist, der übernommen werden muss, auch kein Familienbetrieb, der uns an einen Ort binden würde, keine Standes- und Geschlechtergrenze, die uns daran hindert aufzusteigen (zumindest theoretisch nicht). Wir sind viel freier als die Generationen vor uns, aber das heißt auch, dass wir sehr viel mehr entscheiden müssen, Neuland betreten und oft ziemlich in der Luft hängen, weil wir nicht wissen, wo wir denn nun hingehören. Vielleicht hat die Pandemie das Nachdenken über diese Themen noch ein bisschen verstärkt.“  

Pandemiebedingt wird die Antrittslesung von Dörte Hansen auf Juli 2022 verschoben.   

Über die Autorin:

Nach dem Abitur studierte Hansen an der Uni Kiel Soziolinguistik, Anglistik, Romanistik und Frisistik. In Hamburg wurde sie 1994 mit einer soziolinguistischen Arbeit promoviert. 

Viele Jahre arbeitete Hansen als Journalistin für Hörfunksender der ARD sowie für diverse Zeitschriften und bis 2012 als Kulturredakteurin bei NDR Info. 

2015 errang sie mit ihrem ersten Roman „Altes Land“ einen Millionenerfolg. Die Geschichte um eine junge Frau, die auf der Flucht aus Ostpreußen versucht, im Alten Land heimisch zu werden, wurde 2020 unter der Regie von Sherry Hormann für das ZDF verfilmt. 

Ihr zweiter Roman „Mittagsstunde“ (2018) erzählt die Geschichte eines nordfriesischen Straßendorfs von den 1960er-Jahren bis in unsere Gegenwart. Auch dieses Buch wurde zum Bestseller. Anna-Sophie Mahler inszenierte es 2021 in einer musikalischen Bühnenfassung für das Hamburger Thalia Theater. Eine Kinoverfilmung unter der Regie von Lars Jessen in Ko-Produktion mit dem ZDF ist zurzeit in Arbeit.

Dörte Hansen wurde bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrer Familie in Husum.

Beitragsfoto: Dörte Hansen steht auf einem Feldweg und blickt in die Ferne. Quelle: ZDF / Sven Jaax

Autor: Willi Schewski

Fotograf. Blogger. Autor. Fotojournalist

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