Femizid – Wenn Männer Frauen töten

Jeden dritten Tag bringt ein Mann in Deutschland seine Partnerin oder Ex-Partnerin um. Femizid heißt das Phänomen, wenn Frauen aufgrund ihres Geschlechts getötet werden. In den Medien werden die Taten häufig als „Familiendrama“ verharmlost.

Eine ausführliche Berichterstattung findet vor allem über sogenannte Ehrenmorde als migrantisches Problem statt. Gewalt gegen Frauen betrifft jedoch alle gesellschaftlichen Gruppen.

In der Dokumentation kommen Frauen zu Wort, die selbst physische, psychische, ökonomische und strukturelle Gewalt erlebt haben, und Frauen, die Femizide in ihrem unmittelbaren Umfeld erfahren mussten. 

Sendetermine: Bei ZDFInfo am Montag, 15. November 2021, 22.30 Uhr sowie in der ZDF Mediathek ab Donnerstag, 11. November 2021, 5.00 Uhr, für 2 Jahre.

Fragen an die Autorin und Regisseurin Svaantje Schröder

Was war für Sie die Initialzündung, einen Film über Femizid zu machen?

Gewalt gegen Frauen und Femizide sind kein Randphänomen, es betrifft nicht nur eine soziale Schicht oder einen bestimmten Kulturkreis – diese Tatsache ist in der breiten deutschen Mehrheitsgesellschaft noch nicht angekommen.

Wir neigen dazu Gewalt anderen zuzuschreiben, also MigrantInnen oder Menschen aus so genannten sozial schwachen Schichten. Deshalb war die Hauptmotivation für diesen Film, zu zeigen, dass Gewalt gegen Frauen und Femizide in Deutschland 2021 uns alle angehen und jede einzelne treffen kann.

Wie lange haben Sie für den Film recherchiert? 

Die Vorrecherche zu diesem Film hat vor mehr als einem Jahr begonnen, im Sommer 2021. Wir – ein Team aus drei Redakteurinnen – haben viele Vorgespräche und Telefonate geführt, haben versucht uns juristische und kriminologische Hintergründe und Fakten drauf zu packen und erst im Winter 2020/21 mit den Dreharbeiten begonnen.

Was waren die besonderen Herausforderungen bei der Recherche und beim Dreh? 

Wir haben mit vielen Frauen in der Recherche gesprochen, die hin- und hergerissen waren, ob sie ihre Gewaltgeschichte mit der breiten Öffentlichkeit teilen wollen oder nicht. Angst und Scham spielte eine große Rolle.

Viele Frauen, wie zum Beispiel eine ehemalige Sexarbeiterin, die wir gerne im Film hätten zu Wort kommen lassen, haben uns dann letztendlich eine Absage für den Dreh erteilt, weil sie sich körperlich und psychisch nicht dazu imstande fühlten. Deshalb war es eine langer Rechercheweg bis wir die Frauen, die nun auch in der Doku zu sehen sind, gefunden haben.

Wir wollten niemanden überreden. Es war uns wichtig, dass die Frauen ihre Geschichte wirklich erzählen wollen und die Veröffentlichung ihrer Geschichte auch ein Teil des persönlichen Heilungsprozesses sein kann.

Wie leicht oder schwer war es, Frauen zu finden, die bereit waren, über ihre schweren und demütigenden Erfahrungen vor der Kamera zu erzählen? 

Wir standen sehr früh in Kontakt zu Frauenhäusern und anderen Vereinen und Initiativen, die mit von Gewalt betroffenen Frauen arbeiten. Besonders das Frauenhaus in Gotha, der Verein Hennamond und die Rechtsanwältin Christina Clemm haben uns sehr geholfen, in Kontakt zu den betroffenen Frauen zu kommen.

Wir haben immer erst einmal ohne Kamera ein Vorgespräch geführt und dann die Protagonistin entscheiden lassen, ob sie sich mit einer Aufnahme wohl fühlt oder nicht. Mit Klarnamen und unverfremdetem Gesicht vor die Kamera zu treten, war für alle Frauen ein großer und mutiger Schritt.

Gibt es für Sie unerwartete Erkenntnisse, die Sie durch die Arbeit an dem Film gemacht haben? 

Bevor ich mich für diesen Film intensiv mit dem Thema beschäftigt habe, war ich davon überzeugt, dass wir hier in Deutschland gut aufgestellt sind, wenn es um Hilfsangebote für Frauen geht.

Doch das Gegenteil ist der Fall, wenn es um den Schutz von Frauen vor Gewalt geht. Es gibt nicht genug Frauenhausplätze, keine flächendeckend ausgebauten Angebote für Täter und viel zu wenig präventive Maßnahmen. All das fordert die Istanbul Konvention, zu deren Umsetzung Deutschland seit 2018 verpflichtet ist.

Quelle: ZDF. Die Fragen stellte Birgit-Nicole Krebs

Beitragsfoto: Mahnwache in Flensburg Frauen entfalten am 12.04.2019 in Flensburg, auf dem Südermarkt in der Innenstadt ein Transparent, auf diesen steht „Jeden dritten Tag ein Femizid in der BRD“.

Tötungsdelikte an Frauen in Schleswig-Holstein

Anfang April 2019 ereigneten sich zwei Tötungsdelikte an Frauen in Schleswig-Holstein innerhalb einer Woche, in Flensburg und in Preetz. Bei den Opfern handelte es sich um eine vierfache und eine zweifache Mutter.

In Flensburg hatte ein 42 Jahre alter Mann seine Ehefrau mit einem Fahrradschloss erschlagen. Der Tat sei ein Streit vorausgegangen. Das Paar war 2015 aus mit seinen vier Kindern aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Der Nachwuchs habe sich zur Tatzeit in der Wohnung aufgehalten. Die Kinder kamen in der Obhut des Jugendamtes. Der Ehemann wurde im Januar 2020 zu einer lebenslanger Haft verurteilt.

Wenige Tage vor der Tat in Flensburg ereignete sich ein Verbrechen in Preetz: Dort hatte ein 36 Jahre alter afghanischer Flüchtling in Preetz eine Frau erstochen. Er und die seinerzeit 25 Jahre alte zweifache Mutter sollen ein Paar gewesen sein.  In einem Anfall paranoider Schizophrenie hatte der Täter 37 mal auf die junge Mutter eingestochen. Das Kieler Landgericht sah für das Urteil, das es Nov. 2019 fällte, nur eine Möglichkeit, der Täter muss dauerhaft in Psychiatrie.

Genannte Fälle waren leider nicht die letzten, diese wurden nur als Beispiel genannt. Es ereigneten sich in den Folgejahren weitere Verbrechen an Frauen, wie oben genannt:

Jeden Tag versucht ein Mann in Deutschland seine Partnerin oder Ex-Partnerin umzubringen. Jeden dritten Tag gelingt es ihm. Jeden dritten Tag passiert ein Femizid. Ein Femizid ist der Mord an einer Frau aufgrund ihres Geschlechts. Fast jedem Femizid geht häusliche Gewalt voraus. Im Jahr 2019 gab es laut Bundeskriminalamt 117 Femizide.

Seit 2018 ist Deutschland zur Umsetzung der Istanbul-Konvention verpflichtet – einem Abkommen, das Mädchen und Frauen vor Gewalt schützen soll. Neben dem Ausbau von finanziellen, juristischen und psychologischen Unterstützungsangeboten für Frauen sieht die Istanbul-Konvention auch einen flächendeckenden Ausbau von Gewaltschutzambulanzen, Täterinitiativen und Frauenhäusern vor. Mit der Umsetzung geht es in Deutschland schleppend voran. Es fehlen aktuell 14.200 Frauenhausplätze. 

Wie können Frauen in Deutschland vor gewalttätigen Männern geschützt werden?

Eine Antwort findet man möglicherweise in Spanien. 2004 wurde dort ein europaweit bisher einzigartiges Gesetz zur Prävention und Beseitigung von geschlechtsspezifischer Gewalt erlassen. Der Schutz von Frauen gilt in Spanien als „Staatsaufgabe mit hoher Priorität“. Der Soziologe und Psychologe Santiago Boria Sarto erklärt im Film, was Deutschland im Kampf gegen Femizide und Frauenhass von Spanien lernen kann. Quelle: ZDF

Podcast zum Thema Ehrenmord: „Die Erschossene an der Autobahn“

An einem Augusttag im Jahr 2008 läuft ein Mann über den Parkplatz einer Raststätte in NRW. Er muss mal aufs Klo. Dafür verlässt er den Parkplatz und geht eine kleine Senke runter, auf ein Gebüsch zu. Vor einem Gebüsch liegen Schuhe. Ein paar Schritte weiter liegt, halb durch das Gebüsch versteckt, eine weibliche Leiche. Wie kommt sie dort hin? Was ist ihre Geschichte?

Zu Wort kommen in der – sehr hörenswerten ! – Sendung Justiz-Expertin Elena, sie erklärt, was passiert, wenn man als Zeugen falsch aussagt. Ferner gibt Prof. Dr. Jan Ilhan Kizilhan wichtige Informationen. Er ist Professor an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen und hat schon viel und lange zum sog. „Ehrenmord“ geforscht. Hier zum Podcast in der ARD Mediathek.

#schweigenbrechen

Betroffene sollten wissen, dass sie auf ihrem Weg aus der Gewalt nicht alleine sind. Hierbei kann sie das Hilfetelefon unterstützen. Das bundesweite Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen” berät rund um die Uhr zu allen Formen von Gewalt gegen Frauen.

Es ist wichtig, dass die Betroffenen jederzeit jemanden erreichen können und Hilfe erhalten. Zum Beispiel dann, wenn der Täter gerade nicht zu Hause ist, und sie ungestört telefonieren können. 

Unter 08000 116 016 und per Online-Beratung auf www.hilfetelefon.de berät das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ – rund um die Uhr, anonym und kostenfrei.

Autor: Willi Schewski

Fotograf. Blogger. Autor. Fotojournalist

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