Am 19. Oktober um 19:00 Uhr ist die ukrainische Schriftstellerin und Journalistin Tanja Maljartschuk zu Gast in den Hamburger Bücherhallen (Veranstalter, Hühnerposten 1, 20097 Hamburg). Maljartschuk liest aus ihrem aktuellen Roman „Blauwal der Erinnerung“ / Забуття (Vergessenheit). Der ukrainische Lesungs-Abend findet in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Ukrainischen Kulturverein und den Bücherhallen Hamburg statt.
Über die Autorin: Tetjana „Tanja“ Maljartschuk (ukrainisch Тетяна „Таня“ Малярчук; * 1983 in Iwano-Frankiwsk) ist eine ukrainische Schriftstellerin und Journalistin und lebt in Wien. Sie ist Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin 2018.
Über den Roman „Blauwal der Erinnerung“ / Забуття (Vergessenheit): „Eine Frau leidet, nach unglücklichen Beziehungen aus der Bahn geworfen, unter Panikattacken und verlässt monatelang die Wohnung nicht. Sie findet Orientierung und Halt in einer historischen Figur, die für die Geschichte der Ukraine eine große Rolle spielte: Wjatscheslaw Lypynskyj.“
„Blauwal der Erinnerung“ Забуття ist ein Roman über den vergessenen ukrainischen Volkshelden Wjatscheslaw Lypynskyj (В’ячеслав Липинський), dessen Leben auf kunstvolle Weise mit dem der Ich-Erzählerin verknüpft wird: Sie sucht in dessen Vergangenheit nach Spuren, um besser mit ihrer eigenen Gegenwart zurechtzukommen.
Der leidenschaftliche Geschichtsphilosoph und Politiker entstammte einer polnischen Adelsfamilie, die in der Westukraine lebte. Schon früh identifizierte er sich mit der Ukraine und bestand auf der ukrainischen Form seines Namens. Nach dem Studium befasste er sich politisch und historisch mit dem zwischen Polen und Russland zerrissenen Land und forderte wie besessen seine staatliche Unabhängigkeit. Ein Kampf, der ihn durch verschiedene Länder führte und persönliche Opfer kostete.
Ähnlich kränklich wie diese historische Figur und – wie er – auf der Suche nach Zugehörigkeit, folgt die Erzählerin diesem stolzen, kompromisslosen, hypochondrischen Mann, um durch die Erinnerung der sowjetischen Entwurzelung zu trotzen.
Der ukrainische Lesungs-Abend findet in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Ukrainischen Kulturverein und den Bücherhallen Hamburg statt.
Über die Recherchen zum aktuellen Roman und Wien und den Krieg in der Ukraine berichtet die Autorin:
In einem am 21. April 2022 erschienenen Interview mit dem Tagesspiegel anlässlich des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine erklärte Maljartschuk, dass sie bei ihrer Suche nach ukrainischen Spuren im Wien der 1920 Jahre auf viele ukrainischsprachige Zeitungen und Verlage gestoßen sei sowie rasch auch auf Lypynskyj, dessen Persönlichkeit und Schriften sie als ein Symbol der europäischen Ukraine fasziniert hätten.
Sie selbst habe zu Beginn der aktuellen russischen Invasion große Angst gehabt, dass Kiew bald fallen werde und wie in der Vergangenheit „russlandfreundliche Puppenrepubliken“ entstehen könnten.
„Jetzt ist der Aggressor nach wie vor sehr stark, aber das Selbstbewusstsein der Ukrainer und ihre Bereitschaft sich zu wehren sind auch enorm. Die Unterstützung des Westens könnte in diesem Krieg also entscheidend sein.“ Zu ihrer derzeitigen Situation als Schriftstellerin äußerte Maljartschuk, sie habe seit zwei Jahren für einen neuen Roman recherchiert.
„Diesen Text über den Holocaust in der Ukraine werde ich nicht schreiben können, da der Krieg gegen die Ukraine, vorbereitet durch absurde Nazivorwürfe der russischen Führung, alle historischen Zusammenhänge aus den Angeln gehoben hat.“ Man stehe vor einer neuen Tragödie, deren Wirkung auf sie selbst als Autorin abzuwarten bleibe.
Quelle: „Vieles ist mir jetzt nicht mehr wichtig.“ Schriftstellerin Tanja Maljartschuk über die historischen Hintergründe des Kriegs und das Selbstbewusstsein der Ukrainer. Interview in Der Tagesspiegel (Rasso Knoller), 21. April 2022, S. 20.
Weitere Informationen: „Vergessenheit mitten in Europa – Tanja Maljartschuk zu Gast in Hamburg“ https://deutsch-ukrainischer-kulturverein.de/vergessenheit-mitten-in-europa-tanja-maljartschuk-zu-gast-in-hamburg/#more-1179 sowie: https://www.buecherhallen.de/zentralbibliothek-termin/blauwal-der-erinnerung-roman-zabutta-vergessenheit-von-tanja-maljartschuk.html
Foto: Tanja Maljartschuk (2016), Zbrud – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

