„Ostersturm“ in Schleswig-Holstein: Nationalsozialisten provozieren nach Machtübernahme Dänemark

„Ostersturm“ in Schleswig-Holstein: Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 begann eine Kampagne zur Revision der deutsch-dänischen Grenze. Ihr Höhepunkt, der „Ostersturm“, sah die Nationalsozialisten in der Rolle der Provokateure. Trotz Bemühungen seitens der NSDAP kam es zu keiner Grenzrevision.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland am 30. Januar 1933 kam es in Schleswig-Holstein zu einer Kampagne zur Revision der deutsch-dänischen Grenze. Der Höhepunkt dieser Kampagne war der „Ostersturm“, bei dem die Nationalsozialisten Dänemark provozierten.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland am 30. Januar 1933 begannen einige NS-Politiker in Schleswig-Holstein mit einer Kampagne zur Revision der deutsch-dänischen Grenze. Sie lehnten die Ergebnisse der Volksabstimmung von 1920 (1) ab, die Nordschleswig zu Dänemark hatte gehören lassen.

Am 24. Februar 1933 sprach der grenzpolitische Sprecher der schleswig-holsteinischen NSDAP, Pastor Johann Peperkorn  (1), in Flensburg. Er forderte die Rückkehr Nordschleswigs zum Deutschen Reich.

„Wir wollen dem Norden die Hand geben und die seine nehmen; wenn die Freundschaft aber aus tiefster Seele kommen soll, so ist die Voraussetzung, daß ein Unrecht nicht zu allen Zeiten bestehen darf, und ein Unrecht ist uns zugefügt worden mit der Abtrennung Nordschleswigs.“

Seine Rede stieß auf große Resonanz bei der deutschen Minderheit in Nordschleswig, die sich von der NSDAP Hoffnungen auf eine Wiedervereinigung mit Deutschland machte.

Die dänische Regierung reagierte zurückhaltend. Auch in der internationalen Presse wurde die Kampagne verurteilt. Das Auswärtige Amt in Berlin versuchte, die Lage zu beruhigen. Man wollte keinen offenen Konflikt mit Dänemark und Skandinavien.

Am 24. März 1933 sprach der neue Vorsitzende des Schleswig-Holsteiner Bundes, Dr. Wilhelm Sievers (3), auf einer Veranstaltung zum 85. Jahrestag der schleswig-holsteinischen Erhebung. Er wiederholte Peperkorns Forderung nach einer Grenzrevision.

„Wir wollen Nordschleswig wieder haben!

Wir wollen die 1920 von der Siegermächtekonferenz von Versailles geschaffene Grenze zwischen Deutschland und Dänemark rückgängig machen.

Wir wollen, dass die deutschen Gebiete in Nordschleswig wieder zu Deutschland gehören.“

Dieser Höhepunkt der Kampagne wurde in der Presse als „Ostersturm“ bezeichnet. Die Dänen blieben jedoch weiter ruhig. Sie wollten keinen neuen Grenzkonflikt.

Um die Wogen zu glätten, veröffentlichte die deutsche Regierung offizielle Stellungnahmen, die das nordische Wesen der Deutschen betonten. Man versicherte, dass Deutschland nicht in Konflikt mit Dänemark stehe. Die Provokationen von Peperkorn und Sievers seien „inoffizielle deutsche Auslassungen“ gewesen.

Am 18. Juni 1933 sollte Sievers auf einer „Grenzlandkundgebung“ in Rendsburg sprechen. Sein Redemanuskript musste er zuvor beim Auswärtigen Amt einreichen. In seiner Rede beruhigte Sievers die Lage und entschärfte den „Ostersturm“.

Peperkorn, Sievers und andere Nationalsozialisten verfolgten jedoch weiterhin das Ziel, die deutsche Minderheit in Nordschleswig zu „nazifizieren“. Auch nach der Besetzung Dänemarks durch Deutschland im April 1940 kam es zu keiner Grenzrevision.

Quellen / Weiterführende Informationen

(1) Bei der Volksabstimmung in Nordschleswig am 10. Februar 1920 stimmten von 112.515 Stimmberechtigten 25.329 (24,98 %) für Deutschland und 75.431 (74,39 %) für Dänemark; 640 abgegebene Stimmen (0,63 %) waren ungültig.

(2) Johann Leopold Peperkorn wurde am 13. Februar 1890 in Kiel geboren. Er studierte Theologie in Kiel, Berlin und Tübingen und wurde 1916 Vikar. Er war Mitglied der Studentenverbindungen Landsmannschaft Ghibellinia Tübingen und Landsmannschaft Troglodytia Kiel.

Nach seiner Ordination 1917 arbeitete Peperkorn zunächst als Pfarrer in Barmstedt und ab 1920 in Viöl. Er war ein Gegner der Weimarer Republik und trat daher 1928 in die NSDAP ein. Sein Bruder und sein Vater folgten ihm ebenfalls in die Partei.

1933 wurde Peperkorn Oberkonsistorialrat beim Landeskirchenamt in Kiel und von 1934 bis 1936 Oberkonsistorialrat bei der Kirchenkanzlei der Deutschen Evangelischen Kirche. Er war auch Mitglied der Deutschen Christen.

Bei der Reichstagswahl 1932 wurde Peperkorn für die NSDAP in den Preußischen Landtag gewählt. Nach der Auflösung des Landtags im Oktober 1933 war er bis 1944 NSDAP-Kreisleiter von Südtondern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Peperkorn von 1945 bis 1948 inhaftiert. Er starb am 1. April 1967 in Kiel.

(3) Wilhelm Sievers (1896-1966) war ein deutscher Politiker, der nach dem Zweiten Weltkrieg in der CDU aktiv war. Er war jedoch auch ein überzeugter Nationalsozialist, der an den Verbrechen des Regimes mitwirkte.

Sievers wurde 1896 in Kiel geboren. Er war der Sohn eines Eisenbahners und besuchte die Oberrealschule. Im Ersten Weltkrieg diente er als Offizier und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Nach dem Krieg studierte er Rechts- und Staatswissenschaften und promovierte 1928.

1925 trat Sievers in die NSDAP ein. Er war zunächst Bürgermeister in Visselhövede, Eckernförde und Flensburg. Aufgrund eines parteiinternen Konflikts wurde er 1935 gemaßregelt und verlor seine Ämter.

1937 wurde Sievers rehabilitiert und zum Oberbürgermeister von Brandenburg an der Havel ernannt. Er setzte in dieser Position eine besonders linientreue nationalsozialistische Kommunalpolitik durch.

Am 9. November 1938, in der Reichspogromnacht, war Sievers an der Zerstörung der Synagoge und des jüdischen Friedhofs in Brandenburg an der Havel beteiligt. Er trug die Uniform eines SS-Obersturmbannführers und wurde von mehreren Zeugen gesehen.

Sievers war auch in der SS aktiv und unterstellte sich die politische Abteilung der Brandenburger Kriminalpolizei. Diese Abteilung war für die Verfolgung von politischen Gegnern verantwortlich und wurde für schlimme Exzesse gegen Inhaftierte verantwortlich gemacht.

In Sievers Amtszeit fiel die Verhaftung und Ermordung der jüdischen Gynäkologin Lilli Friesicke.

In den letzten Kriegstagen weigerte sich Sievers, die Stadt Brandenburg an der Havel zu evakuieren. Er drohte sogar Soldaten mit dem Erschießungstod, wenn sie desertieren würden.

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches wurde Sievers verhaftet und wegen Mitgliedschaft in verbrecherischen Organisationen zu 13 Monaten Haft verurteilt.

Nach seiner Haftzeit arbeitete Sievers als Rechtsanwalt in Kiel. 1949 trat er in die CDU ein und wurde 1952 Vorsitzender der Partei in Kiel. 1951 wurde er in den Rat der Stadt Kiel gewählt und 1955 Stadtpräsident.

In Kiel wurde seine nationalsozialistische Vergangenheit nicht öffentlich angesprochen. Nach seinem Tod 1966 würdigte ihn der Kieler Magistrat als aufrechten Demokraten. Am 30. Januar 2013 wurde Sievers’ Porträt wegen seiner Vergangenheit aus der Galerie der ehemaligen Bürgermeister und Stadtpräsidenten im Kieler Rathaus entfernt

Autor: Willi Schewski

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