Gedenkstelle für zwangsumgesiedelte und deportierte Sinti und Roma aus Flensburg und Umgebung eingeweiht

„Vielleicht findest du in der Asche der verbrannten Träume deinen Funken“, Zitat Karol Parno Gierlinski

Am 29. September 2023 wurde auf dem Gelände der Waldorfschule Flensburg   – im vorderen Bereich an der Sporthalle – die Gedenkstelle für die 1935 an den Steinfelder Weg zwangsumgesiedelten und 1940 deportierten Sinti und Roma aus Flensburg und Umgebung festlich eingeweiht. Auf der Tafel steht „Mindestens 44 Sinti und Roma aus Flensburg und Umgebung, Mitbürgerinnen und Mitbürger, Angehörige der Familien Weiß, Laubinger und Rose, wurden 1935 zuerst in den Steinfelder Weg zwangsumgesiedelt und dann 1940 über Hamburg in das Zwangsarbeitslager Belzec im deutsch besetzten Generalgouvenement deportiert.

Wenigstens 22 Menschen haben die unmenschlichen Arbeitsbedingungen und die grausame Willkür der dortige Bewacher nicht überlebt. Wir gedenken der Toten, die um ihre Recht auf Leben und um ihre Menschenwürde gebracht wurden.

Wir gedenken den Überlebenden, die bis zum Ende ihrer Tage unter den Folgen dieser grausamen Verfolgung gelitten haben und durch die Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik marginalisiert und weiter stigmatisiert wurden. Wir gedenken jener, deren Schicksal bis heute noch nicht aufgeklärt werden konnte.“

An dem Ort, an dem heute die Waldorfschule steht, sind schwere Verbrechen geschehen, die man nicht vergessen darf. Das „Projekt Gedenkstelle“ der Freien Waldorfschule Flensburg – initiiert von 3 engagierten Lehrer-/ innen- hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den deportierten und ermordeten Sinti und Roma einen Ort des Gedenkens zu widmen.

Gemeinsam mit den Schüler- / innen hatten die drei Lehrer-/ innen Constanze Hafner, Achim Langer und Sven Roevens die Gedenkstelle ausführlich geplant. Der Kunstlehrer Achim Langer entwarf die Bronze-Skulptur, die nun an der Gedenkstelle zu finden ist. Dazu eine Stele, die die Namen der deportierten Sinti und Roma trägt. Es ist landesweit die dritte Gedenkstätte für Sinti und Roma.

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Lange vergessen

Vor dem Zwangsumzug lebten die Kinder und Erwachsenen der Flensburger Familien Weiß und Laubinger im Hinterhof der Norderstraße 104 – unter nicht viel besseren Bedingungen als im dem Lager Barackenlager am Steinfelder Weg (weitere Infos dazu im Blog).

Bronzetafel am Haus Norderstraße 104 

Seit dem 2. August 2008 erinnert eine Bronzetafel am Haus Norderstraße 104 in Flensburg an sechs Mitglieder der Familie Weiß, Hausbewohnerinnen und Hausbewohner, die hier stellvertretend für alle ermordeten Flensburger Sinti genannt werden.

1935 ging es dann in das besagte Barackenlager in Flensburgs Südstadt nahe dem Gelände der heutigen Freien Waldorf Schule Flensburg. Bis 1940 harrten sie in dem Lager aus.

1940 wurden sie von den Nazis ins Zwangsarbeitslager Belzec deportiert. Mindestens 22 von ihnen starben an den Folgen von Zwangsarbeit, Krankheiten, Seuchen, Unterernährung, willkürlicher Gewalt der Bewacher oder aufgrund ungeklärter Umstände.

Das Lager nahe dem Gelände der heutigen Freien Waldorf Schule Flensburg (wo es exakt stand, lässt sich bisher nicht rekonstruieren) war lange in Vergessenheit geraten. Generell gab es lange Zeit kaum öffentliches Interesse, das Schicksal der Sinti und Roma aufzuarbeiten.

Wissenschaftliche Begleitung durch Antiziganismus-Experte Lotto-Kusche

Die wissenschaftliche Begleitung der „Gedenkstelle Steinfelder Weg“  übernahm Dr. Sebastian Lotto-Kusche, seit 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History.

Seine Forschungsschwerpunkte liegen u.a. im Bereich der Zeitgeschichte, der Minderheitengeschichte, der Nachgeschichte des Nationalsozialismus in der BRD und der Begriffs- und Diskursgeschichte. In seiner Promotion beschäftigte sich Lotto-Kusche mit der Anerkennung des Völkermords an den Sinti und Roma in der NS-Zeit durch die Bundesrepublik Deutschland 1945-1990.

Endlich Gedenken an einem würdigen Ort

Sebastian Lotto-Kusche ist froh über die Initiative der Freien Waldorf Schule Flensburg, an das ehemalige Barackenlager und die Deportation der Flensburger Sinti und Roma zu erinnern. „Endlich wird den 44 Flensburgerinnen und Flensburgern an würdigem Ort gedacht, von denen mindestens die Hälfte die Deportation im Mai 1940 ins ‚Generalgouvernement‘ nicht überlebte„, erklärt er.

Das Projekt ist eine wunderbare Kooperation zwischen Universität und Stadtgesellschaft gewesen. Für die Erinnerungskultur Flensburgs ist die Eröffnung der Gedenkstelle ein großer Fortschritt. Bislang fehlt es leider noch an einem koordinierten Konzept dazu, dass die diversen Themen bündelt und miteinander abstimmt.“

Sebastian Lotto-Kusche hat seine Forschungsergebnisse zu der bislang immer noch wenig bearbeiteten Geschichte von Flensburger Sinti und Roma nicht nur in der Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch darüber hinaus, in den Grenzfriedensheften (1) und dem Beirat für Geschichte (2) zusammengefasst.

Quellen / Weiterführende Informationen

Oben im Auszug erwähnter Karol »Parno« Gierliński wurde 1938 in Poznań in eine Sinti-Familie geboren und starb am 4. Februar 2015 in Nowe Miasto nad Pilicą, Polen. Er war Schriftsteller, Maler und Bildhauer sowie Aktivist. Mehr

(1) Grenzfriedenshefte (Link pdf)

(2) Beirat für Geschichte (Link Uni Flensburg)

Website freie Waldorfschule Flensburg „Projekt Gedenkstelle Steinfelder Weg“ (Link)

Autor: Willi Schewski

Fotograf. Blogger. Autor. Fotojournalist

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