Kiel: Stadtmuseum zeigt Ausstellung „Kiel, Chanukka 1931. Rahel Posners Foto erzählt“

Kiel. Rahel Posner, die Frau des Kieler Rabbiners, fotografierte zum Chanukkafest (1) im Dezember 1931 ein symbolstarkes Motiv: den Chanukka-Leuchter der Familie auf einem Fensterbrett ihrer Wohnung am Sophienblatt 60. Im Hintergrund ist die Hakenkreuzfahne an der Kreisgeschäftsstelle der NSDAP auf der anderen Straßenseite zu sehen. Das Foto steht nun im Mittelpunkt der Ausstellung „Kiel, Chanukka 1931. Rahel Posners Foto erzählt“ des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums. 

Zu sehen ist die Ausstellung in der Zeit vom 18. September 2022 bis 12. März 2023 im Stadtmuseum Warleberger Hof, Dänische Straße 19. Eröffnet wird sie am Sonntag, 18. September, um 11.30 Uhr im Ratssaal des Kieler Rathauses, Fleethörn 9.

Es sprechen

  • Oberbürgermeister Dr. Ulf Kämpfer, –
  • die Leiterin des Stadt- und Schifffahrtsmuseums Dr. Sonja Kinzler,
  • die Geschäftsführerin des Freundeskreises Yad Vashem Ruth Ur sowie
  • der Historiker Prof. i. R. Dr. Gerhard Paul, der das Projekt initiiert hat.

Im Anschluss an die Eröffnung im Rathaus gibt es einen gemeinsamen Ausstellungsbesuch im Warleberger Hof. Der Fokus der Ausstellung liegt auf der Geschichte des berühmten Fotos. Es erzählt von der Situation in Kiel in den Monaten und Jahren rund um das jüdische Fest Chanukka 1931 und von dem Werdegang der Aufnahme:

Aus Israel kam das Foto 1973, vierzig Jahre nach der Emigration der Familie 1933, wieder nach Kiel. Dann begann seine weltweite Verbreitung. Zu sehen ist Rahel Posners berühmtes Foto in unterschiedlichen Verwendungen und Interpretationen. Dazu kommt eine Vielfalt von Zeugnissen des jüdischen Lebens in Kiel. 

Dokumente, historische Fotos und einzelne Sammlungsstücke aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde einerseits, aus der Geschichte der Kieler NSDAP andererseits beleuchten die Situation, in der das Foto entstand.

Historische Zeitungsartikel berichten von antisemitischen Anfeindungen, Anschlägen und sogar Mord – aber auch von der Aufklärungsarbeit, die Rabbi Dr. Arthur Posner gegen den Antisemitismus leistete.

Außerdem dokumentiert die Ausstellung mit vielen Veröffentlichungen des heute so bekannten Fotos aus den letzten Jahrzehnten die erstaunliche Karriere des Bildes, nachdem Rahel Posner es für eine Sonderausstellung „Jüdisches Leben in Kiel“ (1974) dem Kieler Stadtmuseum zur Verfügung stellte.  

Die Ausstellung wartet mit Ungewöhnlichem auf: Sie dreht sich um ein Foto, das intensiv beleuchtet wird. Die Gäste dürfen sich auf viele Hörtexte und sogar auf ein Sprechendes Bild freuen, das zur individuellen Bildbetrachtung einlädt.

Eine weitere besondere Installation ist ein Tastbild (nicht nur) für blinde und sehbehinderte Gäste. Alle sind eingeladen, ihren persönlichen Eindruck von Rahel Posners Foto mit den anderen Ausstellungsgästen zu teilen. Die Ausstellungsinhalte sind auch auf Englisch verfügbar. 

Die Idee zur Ausstellung stammt vom Flensburger Historiker Prof. Dr. Gerhard Paul (3), der die Geschichte des Fotos erforscht hat. Wie bei der Aktion #Lichtzeigen, die der deutsche Freundeskreis Yad Vashem mit den Kieler Nachrichten 2021 ins Leben gerufen hat, besteht eine Kooperation mit dem Freundeskreis. Ruth Ur, Geschäftsführerin des Vereins, steht dem Projekt beratend zur Seite.

Im Auftrag des Freundeskreises Yad Vashem entstand in diesem Sommer auch eine Graphic Novel zu Rahel Posner und ihrem berühmten Foto, die im Museum ausliegen wird. Projektpartner-/ innen sind zudem das Jüdische Museum Rendsburg und die Landeszentrale für politische Bildung. Die Kieler Nachrichten begleiten die Ausstellung.

Im Begleitprogramm (2) gibt es auch Ortstermine mit beiden jüdischen Gemeinden, die jeweils zum Besuch einladen. Angebote zur historisch-politischen Bildung für alle, aber auch speziell für Kinder und Lehrkräfte, sind ebenfalls eingeplant. Alle Informationen zur Ausstellung und zum Begleitprogramm gibt es unter www.kiel-museum.de

(1) Chanukka oder Lichterfest ist ein acht Tage dauerndes, jährlich gefeiertes jüdisches Fest zum Gedenken an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahr 164 v. Chr. beziehungsweise im Jahr 3597 jüdischer Zeitrechnung. Es beginnt am 25. Tag des Monats Kislev. Datum: So., 18. Dez. 2022 – Mo., 26. Dez. 2022.

(2) Das Rahmen- und Begleitprogramm:

Mittwoch, 21. September 2022 und 22. März 2023, jeweils 15 Uhr Führungen über den Alten Jüdischen Friedhof mit Viktoria Ladyshenski, Geschäftsführerin Jüdische Gemeinde Kiel und Region e.V.Treffpunkt: Michelsenstraße 22Männliche Besucher werden gebeten, auf dem JüdischenFriedhof eine Kopfbedeckung zu tragen. Anmeldung: 0431/901-3425, Eintritt frei  

Donnerstag, 22. und 29. September 2022, jeweils 16 bis 17.30 Uhr Ausstellungsführung mit Tastbild für blinde und sehbehinderte Besucher*innen mit der Museumspädagogin Susanne Mohr Anmeldung: 0431/901-3425, Eintritt frei  

Donnerstag, 29. September 2022 und 20. Oktober 2022, jeweils 18 Uhr, und Donnerstag, 2. März 2023, 17 Uhr Auf den Spuren der Familie Posner – Stadtrundgang mit der Historikerin Annette Mörke. Der Rundgang beleuchtet Stationen im Leben der Familie Posner, die bis 1933 im Sophienblatt 60 wohnte.Treffpunkt: Alter Jüdischer Friedhof, Michelsenstraße 22Männliche Besucher werden gebeten, auf dem Jüdischen Friedhof eine Kopfbedeckung zu tragen. Anmeldung: 0431/901-3425, Eintritt frei  

Dienstag, 11. Oktober und 29. November 2022, jeweils 16 UhrKurator*innenführung durch die Ausstellung mit Museumsleiterin Dr. Sonja Kinzler Anmeldung: 0431/901-3425, Eintritt frei  

Donnerstag, 27. Oktober 2022, 18 Uhr„… die Menschen zu kennen bestrebt“ – Dr. Arthur Posner als Rabbiner der Israelitischen Gemeinde zu Kiel (1924-1933) – Vortrag mit Dr. habil. Bettina Goldberg, Historikerin und Autorin, Berlin Ort: Schifffahrtsmuseum Fischhalle, Wall 65 (Eintritt frei)  

Donnerstag, 3. November 2022, 12. und 26. Januar 2023, 16. Februar 2023, jeweils 16 bis 17.30 Uhr Ausstellungsführung mit Tastbild für blinde und sehbehinderte Besucher*innen mit der Kunsthistorikerin Dr. Michaela Wilk Anmeldung: 0431/901-3425, Eintritt frei  

Donnerstag, 10. November 2022, 18 Uhr„Das Foto der Rahel Posner. Anmerkungen der Visual History“ – Vortrag mit Professor Dr. Gerhard Paul, Seniorprofessor der Europa-Universität Flensburg Ort: Schifffahrtsmuseum Fischhalle, Wall 65 (Eintritt frei)  

Mittwoch, 16. November 2022, 16.30 UhrAusstellungsrundgang durch die Ausstellung für Gehörlose und hörbehinderte Menschen mit einer Gebärdendolmetscherin Anmeldung unter museum@kiel.de, Eintritt frei  

Donnerstag, 17. November 2022, 18 Uhr„Die Kieler Synagogen und das Leben in der Stadt“ – Vortrag mit Rolf Fischer, Vorsitzender der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte e.V. Ort: Schifffahrtsmuseum Fischhalle, Wall 65 (Eintritt frei)  

Dienstag, 29. November 2022, 14-18 Uhr„Jüdisches Leben zwischen Vielfalt und Antisemitismus – früher und heute“ – Fortbildung für Lehrkräfte mit Freya Elvert, M.A., Referentin beim Landesbeauftragten für politische BildungStart: Stadtmuseum Warleberger Hof; Ende: Landeshaus, DüsternbrookerWeg 70 Anmeldung: 0431/901-3425, Eintritt frei  

Mittwoch, 14. Dezember 2022, 17 Uhr„Licht in der Dunkelheit“ – Wissenswertes rund um das Chanukka-Fest und Süßes zu Chanukka (Sufganiyot, kleine Krapfen aus Hefeteig)Treffpunkt: Jüdische Gemeinde Kiel und Region e.V., Wikingerstraße 6 Anmeldung: 0431/901-3425, Eintritt frei  

Donnerstag, 15. Dezember 2022, 18 Uhr„#LichtZeigen: Erinnerung neu denken“ – Vortrag mit der KunsthistorikerinRuth Ur, Repräsentantin für die deutschsprachigen Länder, Yad Vashem, Special Advisor der Ausstellung Ort: Stadtmuseum Warleberger Hof, Dänische Straße 19 (Eintritt frei)  

Mittwoch, 18. Januar 2023, 17 UhrJüdisches Leben in Kiel damals und heute – Tag der offenen Tür der Jüdischen Gemeinde Kiel und RegionTreffpunkt: Jüdische Gemeinde Kiel und Region e.V., Wikingerstraße 6 Anmeldung: 0431/901-3425, Eintritt frei   

Donnerstag, 9. Februar 2023, 18 Uhr„Antisemitismus heute“ – Vortrag mit Freya Elvert, M.A., Referentin beim Landesbeauftragten für politische Bildung Ort: Stadtmuseum Warleberger Hof, Dänische Straße 19 (Eintritt frei)  

Donnerstag, 23. Februar 2023, 18 Uhr„Stationen einer folgenreichen Verirrung: Antijudaismus und Antisemitismus in der Geschichte von Theologie und Kirche“ – Vortrag mit Joachim Liß-Walther, Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Schleswig-Holstein Ort: Stadtmuseum Warleberger Hof, Dänische Straße 19 (Eintritt frei)  

Dienstag, 28. Februar 2023, 17 UhrTag der offenen Tür der Jüdischen Gemeinde Kiel – Führung durch die neue Synagoge und das Gemeindezentrum mit Rabbiner Isak Aasvestad Treffpunkt: Jüdische Gemeinde Kiel, Waitzstraße 43Anmeldung: 0431/901-3425, Eintritt frei  

Donnerstag, 9. März 2023, 18 Uhr„Gerettet, aber nicht befreit. Überlebende der Schoa in Schleswig-Holstein“ – Vortrag mit Jonas Kuhn, Leiter des Jüdischen Museums Rendsburg Ort: Stadtmuseum Warleberger Hof, Dänische Straße 19 (Eintritt frei)  

Für SchulklassenJüdisches Leben in Kiel – Stadtrundgang Auf einem kulturgeschichtlichen Rundgang durch die Stadt entdecken die Teilnehmer*innen Zeugnisse jüdischen Lebens in Kiel. Die Spurensuchebeginnt am Mahnmal der Synagoge. An verschiedenen Orten geht es um Geschichte, Riten und Bräuche des Judentums und um die Vergangenheit und Gegenwart jüdischen Lebens in Kiel. Dauer: 90 Minuten / maximal 30 Schüler*innen, ab Klassenstufe 8Anmeldung: 0431/901-3488 oder -3425, Eintritt frei  

Schalom – Lernen durch Begegnung: Tandem-Rundgang durch die Ausstellung Oft werden jüdische Menschen einseitig als Opfer historischer Verfolgung und Gewalt gesehen. Jüdisches Leben im heutigen Deutschland ist aber geprägt von großer kultureller und gesellschaftlicher Vielfalt. Die Begegnung mit Adriana Stern gibt Schüler*innen ab Klassenstufe 5 die Möglichkeit, das heutige jüdische Leben in seiner Vielfalt, Lebendigkeit und Diversität kennenzulernen. Dauer: 90 Minuten / maximal 30 Schüler*innen, ab Klassenstufe 5 Anmeldung: 0431/901-3488 oder -3425, Eintritt frei  

Was will uns das Foto sagen? Historische Fotos analysieren und verstehen Viele Menschen rezipieren Fotos meist sehr schnell, schreiben ihnen großeGlaubwürdigkeit zu und lassen sich gerne von ihnen beeinflussen. In der Ausstellung geht es um das berühmte Foto von Rahel Posner, das sie 1931 aus ihrer Wohnung im Sophienblatt 60 gemacht hat. Was will uns das Foto sagen? Anhand des Fotos lernen die Schüler*innen in diesem Workshop, sich kritisch mit Fotos als Quelle zur NS-Geschichte auseinanderzusetzen, und sie lernen Methoden der Bildanalyse und Bildinterpretation kennen.Leitung: Dr. Birte Gaethke, Kunsthistorikerin Dauer: 60 Minuten / maximal 30 Schüler*innen, ab Klassenstufe 9 Anmeldung: 0431/901-3488 oder -3425, Eintritt frei   

Rallye/Actionbound zur spielerischen Vermittlung jüdischerZuwanderung seit 1991 und der Vielfalt jüdischen Lebens heute Die an der Christian-Albrechts-Universität Kiel entwickelte Rallye besteht aus Informationsbausteinen (Text, Bilder, Audio, Video), Quizfragen und anderen Aufgaben. Nutzer*innen können den Bound analog (etwa durchKiel laufend) oder digital (etwa vom Klassenzimmer oder von zu Hause aus) spielen – und so etwas über jüdisches Leben in Deutschland lernen. QR-Code zum Download App: ab November im Museum oder auf der Museumsseite unter „Museumspädagogik“  

„Kiel, Chanukka 1931. Rahel Posners Foto erzählt“ 18. September 2022 bis 12. März 2023. Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum Warleberger Hof, Dänische Straße 19, 24103 KielTelefon 0431/901-3425E-Mail: museum@kiel.dewww.kiel-museum.de

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr Eintritt frei 

Öffentliche Führungen: sonntags 15.30 Uhr. Gruppenführungen auf Anfrage unter Telefon 0431/901-3425 oder 0431/901-3488.  

Beitragsbild: Rahel Posners berühmtes Foto, entstanden in Kiel, Chanukka 1931. Aufgenommen in ihrer Wohnung in Kiel: Ihr entzündeter Chanukkah-Leuchter mit der Nazifahne im Hintergrund
Nachweis: Stadtarchiv Kiel / Stadt Kiel / Fotografin (c) Rahel Posner

(3)

Der #Flensburger Historiker Gerhard Paul übte harsche Kritik an dem Umgang mit dem Foto. So sei das Bild auf dem Weg vom Stadtarchiv Kiel zum Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz von einer historischen Quelle zur Handelsware geworden. Um den Marktwert zu steigern, seien Verwendungsspuren getilgt und immer neue Abzüge gefertigt worden, die „Originalität und Erstbenutzung suggerieren“ sollen.

Gerhard Paul: „… ‚Juda lebt ewig!‘ erwidert das Licht“. Die Geschichte eines Fotos und die seiner publizistisch-historischen Vermarktung. In: Gerhard Paul: Landunter. Schleswig-Holstein und das Hakenkreuz. Westfälisches Dampfboot, Münster 2001, ISBN 3-89691-507-X, S. 40–47 (hier kostenfrei als pdf herunterladen)

Autor: Willi Schewski

Fotograf. Blogger. Autor. Fotojournalist

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