„Die Entscheidung“ – ein virtuelles Gedenkzeichen von Ute Friederike Jürß

Unter dem Titel „Die Entscheidung – Wilm führte ein Doppelleben“ hat die Lübecker Künstlerin Ute Friederike Jürß einen künstlerischen Impuls zur Diskussion über das Thema Zivilcourage während der Zeit des Nationalsozialismus gestaltet.

Wilm Hosenfeld rettete als Wehrmachtsoffizier im deutschen Vernichtungskrieg in Polen Dutzende Menschen vor Verhaftung und Tod:  Polen und Deutsche, Juden und Nichtjuden. Bekannt geworden durch Władysław Szpilmans Autobiographie „Der Pianist – Mein wunderbares Überleben“ (1998) und besonders durch Roman Polańskis gleichnamige Filmadaption des Buches (2002). Unter dem Titel „Die Entscheidung – Wilm führte ein Doppelleben“ hat nun die Lübecker Künstlerin Ute Friederike Jürß einen künstlerischen Impuls zur Diskussion über das Thema Zivilcourage während der Zeit des Nationalsozialismus gestaltet. Am Beispiel von Wilm Hosenfeld zeigt sie dessen zwiespältige Lebenssituation auf:

Einerseits agierte er auf nationalsozialistischer Täterseite, andererseits half er nachweislich zahlreichen Verfolgten. Diese Ambivalenz provoziert (Entscheidungs)Fragen über Zivilcourage und Menschlichkeit, denn, so die Künstlerin, Wilm Hosenfeld „steht als aktiver Teil des NS-Staats für viele und gleichzeitig für wenige

– hat er doch aus der Erkenntnis des Grauens seine menschlichen Schlussfolgerungen gezogen und die Entscheidung getroffen, zu helfen“. Die Künstlerin versteht Ihr Video-Werk (Text: Dr. Martin Doerry) als „virtuelles Gedenkzeichen“ und „Impuls gegen das Vergessen und für den genauen Blick auf die Gegenwart“

Die Entscheidung“ ist online frei verfügbar. Das Werk wurde unter anderem gefördert von der Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten und vom Landesbeauftragten für politische Bildung.

Weitere Informationen über Wilm Hosenfeld

Wilhelm (genannt Wilm) Hosenfeld wurde als viertes von sechs Kindern eines Lehrers in dem Rhöndorf Mackenzell, heute ein Stadtteil von Hünfeld bei Fulda, geboren. Geprägt wurde er durch die Prinzipien seiner katholischen Familie, durch die preußisch-patriotische Erziehung der damaligen Lehrerausbildung und vor allem durch die Ideale des Wandervogels.

Mit ihm nahm er 1913 auch am Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner teil. Später beeinflusste ihn die protestantisch-pazifistische Denkweise seiner Frau Annemarie.

Nach Abschluss seiner pädagogischen Ausbildung nahm er von 1914 an als Infanterist am Ersten Weltkrieg teil. Er kehrte 1917 schwer verwundet in die Heimat zurück. Seit 1918 wirkte er als Dorfschullehrer, zunächst in den Gemeinden Roßbach und Kassel – beides später Ortsteile von Biebergemünd im Spessart –, dann in Thalau bei Fulda in der Rhön. (1)

1920 heiratete er Annemarie Krummacher, Tochter des Worpsweder Malers Karl Krummacher. Aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor, die später alle medizinische Berufe ergriffen.

Aus der Wandervogelbewegung stammend, war Hosenfeld für die Antibürgerlichkeit und die Volksgemeinschaftsidee der Nationalsozialisten empfänglich. Seit 1933 war er in der SA und im NS-Lehrerbund, seit 1935 auch in der NSDAP. Tagebuchaufzeichnungen von 1936 zeigen ihn als begeisterten Teilnehmer des Nürnberger Reichsparteitages.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kam Hosenfeld, inzwischen 44-jährig, mit einem Landesschützenbataillon nach Polen. Von 1940 bis 1944 gehörte er als Reserveoffizier der Oberfeldkommandantur in Warschau an. 1941 wurde er Leiter der Wehrmacht-Sportschule.

Auch war er verantwortlich für die logistische Vorbereitung von Fußball-Partien der Gauliga Generalgouvernement im Warschauer Armeestadion, das von den Besatzern in „Wehrmachtsstadion“ umbenannt worden war.

Unter dem Eindruck der deutschen Kriegsverbrechen begann er, nichtjüdische und jüdische Polen vor dem Terror zu schützen. Unter anderem rettete er den Priester Anton Cieciora vor der SS, später auch dessen Schwager.

Er lernte Polnisch und wurde von polnischen Familien eingeladen, was äußerst ungewöhnlich war. Als Leiter der Sportschule unterstanden ihm eine Anzahl polnischer Arbeiter, die für die Pflege der Anlagen zu sorgen hatten.

Dies ermöglichte ihm, einige Verfolgte unter falschem Namen zu beschäftigen. Während des Warschauer Aufstandes im Spätsommer 1944 musste er gefangene Kämpfer der polnischen Untergrundarmee AK verhören.

Gegen die Anweisung der SS-Führung sorgte er dafür, dass Verwundete ärztlich versorgt wurden; auch forderte er ihre Behandlung nach der Genfer Konvention. Im Herbst 1944 wurde er Kompaniechef.

Während seines Aufenthalts in Warschau schrieb Hosenfeld Tagebücher und zahlreiche Briefe an seine Frau, in denen er sich mit der Naziherrschaft und der deutschen Besatzungspolitik sehr kritisch auseinandersetzte. Die Dokumente wurden 2004 vollständig publiziert. Die Rettung des Pianisten Władysław Szpilman geschah in den letzten Tagen der Warschauer Besatzung, am 17. November 1944 traf Hosenfeld in einer Ruine auf ihn.

Im Januar 1945 geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Wahrheitsgemäß gab er an, dass das von ihm geführte Sportamt organisatorisch der Abteilung Ic unterstand. Diese Angabe wurde ihm zum Verhängnis, denn neben der Truppenbetreuung nahm diese Abteilung auch nachrichtendienstliche Aufgaben wahr. Um von Hosenfeld Informationen über seine vermeintliche geheimdienstliche Tätigkeit zu erzwingen, setzte man ihn dem „strengen Verhör“ im Untersuchungsgefängnis Minsk aus. Nach sechs Monaten Folter und Isolationshaft war er ein gebrochener Mann. Er erlitt den ersten Schlaganfall.

Ohne Nachweis eines Vergehens wurde er 1950 als Kriegsverbrecher zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Mehrfach bemühte er sich vergeblich um eine Auslieferung nach Polen. Trotz der Fürsprache von ihm Geretteter wurde Hosenfeld nicht entlassen. Halbseitig gelähmt und verzweifelt starb er am 13. August 1952 im Alter von 57 Jahren im Kriegsgefangenenlager Stalingrad an wahrscheinlich durch Misshandlungen verursachten inneren Blutungen.

Szpilman erfuhr erst 1950 den Namen seines Helfers. 1957 besuchte er die Witwe Hosenfelds in Thalau und berichtete ihr, dass ihr Mann ihn gerettet habe.

Postume Würdigungen

Seit 2005 verleiht die Leuphana Universität Lüneburg jährlich den Hosenfeld/Szpilman-Gedenkpreis. Eingereicht werden können musikwissenschaftliche Untersuchungen, Forschungsarbeiten aus den Kultur- und Geisteswissenschaften und Untersuchungen aus pädagogischer Perspektive.

Im Oktober 2007 wurde Hosenfeld postum durch den polnischen Präsidenten Lech Kaczyński für die Rettung polnischer Bürger mit dem Orden Polonia Restituta (Komtur) geehrt.

Im Oktober 2008 wurde im Biebergemünder Ortsteil Kassel ein Platz nach Wilm Hosenfeld benannt.

Die Jerusalemer Holocaustgedenkstätte Yad Vashem ernannte Hosenfeld am 25. November 2008 postum zum Gerechten unter den Völkern. Die Ernennung des ehemaligen Wehrmachtoffiziers erfolgte auf Antrag von Władysław Szpilman aus dem Jahr 1998 und nach jahrelangen Bemühungen von dessen Sohn Andrzej Szpilman. Vorausgegangen waren intensive Recherchen seitens der Gedenkstätte, die sicherstellten, dass Hosenfeld in keine Kriegsverbrechen verwickelt gewesen war.

Wilm Hosenfelds Geburtshaus in Mackenzell wurde am 11. März 2011 ehrenhalber Wilm-Hosenfeld-Haus benannt.

Am 25. Februar 2018 wurde ein Gedenkstein an der Grundschule Thalau eingeweiht. Er würdigt das Wirken Hosenfelds und ist Erinnerung und Mahnung für kommende Generationen.

Quellen:

3. Elmar Schick: Täter und ihre Opfer. Zur Geschichte der Diktatur des Dritten Reiches zwischen Rhön und Vogelsberg. Imhof, Petersberg 2015, ISBN 978-3-86568-961-0, S. 49–50.

Stefan Reinecke: Wilms Vermächtnis. In: taz.de, 20. Juli 2009

Krakauer Zeitung, 8. Dezember 1941, S. 13.

Thomas Urban: Schwarze Adler, Weiße Adler. Deutsche und polnische Fußballer im Räderwerk der Politik. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2011, ISBN 978-3-89533-775-8, S. 79.

Stefanie Maeck: Offizier Wilm Hosenfeld – Der Nazi, der Juden und Polen rettete. In: Spiegel online, 23. November 2015.

Thomas Vogel (Hrsg.): Wilm Hosenfeld. „Ich versuche jeden zu retten“. Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern. München 2004, S. 146.

Kaczynski verleiht deutschem Wehrmachtoffizier hohen Orden. In: Der Tagesspiegel, 10. Oktober 2007

Ehre für Wilm Hosenfeld (Memento vom 15. November 2014 im Webarchiv archive.today) In: Gelnhäuser Neue Zeitung, 16. Oktober 2008

https://osthessen-news.de/n1194959/h-nfeld-neuer-name-f-rs-mackenzeller-vereinshaus-erinnerung-an-wilm-hosenfeld-.html

Matthias Witzel: Gedenkstein am Thalauer Schulhaus erinnert an Wilm Hosenfeld. In: Osthessen News. 26. Februar 2018, abgerufen am 31. Juli 2018.

Foto: Bildschirmaufnahme vom Video „Die Entscheidung“

Autor: Willi Schewski

Fotograf. Blogger. Autor. Fotojournalist

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