Gebäude erzählen Geschichten: Mzcheta & die Swetizchoweli -Kathedrale (Georgien)

Wenn Gebäude reden könnten, würden sie die vielfältigsten, buntesten und verrücktesten Geschichten erzählen können. Das Leben spielt sich in den Gebäuden ab, seit Generationen und Epochen. Ob Dramen, Feste oder banaler Alltag, viele der Gebäude wahrten ihr würdiges Gesicht, während im Innern das Leben seine Spuren hinterließ.

Georgien* ist ein Staat an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien. Die ehemalige Sowjetrepublik umfasst Bergdörfer im Kaukasus ebenso wie Strände am Schwarzen Meer. Unsere Reisereporterin zeigt uns Bilder aus dem kulturreichen Land, sie erzählen viel Geschichte. Beginnen wir mit Mzcheta.

Mzcheta (georgisch მცხეთა) ist die Hauptstadt der Region Mzcheta-Mtianeti im Osten Georgiens. Mzcheta ist heute ein religiöses Zentrum des Landes. Mzcheta hat 7940 Einwohner (2014) und liegt nur wenige Kilometer nördlich von Tbilisi am Zusammenfluss der Flüsse Kura und Aragwi am Großen Kaukasus.

Archäologische Forschungen wie die am Gräberfeld von Samtavro belegen, dass die Stadt seit über 3000 Jahren existiert. Fast 1000 Jahre bis zum 6. Jahrhundert war Mzcheta Hauptstadt des iberischen Reichs, das neben den Königreichen Kolchis an der Schwarzmeerküste und Kartlien ein Vorgängerstaat des heutigen Georgien ist.

Im Zentrum von Iberien gelegen, war Mzcheta eine der wichtigsten Handelsstädte zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer an der Seidenstraße. Die römischen Historiker Strabon, Plutarch und Plinius berichteten über die Festungen der Stadt, von denen die größte Armasis Ziche war. Ziche bedeutet im Georgischen „Festung“ und Armasi war der Gott der kaukasischen Iberer. Die Mauern der Festung umschlossen den Königspalast und den Tempel, vor dem eine große Statue des Gottes stand.

Die Swetizchoweli-Kathedrale

In Mzcheta und seiner Umgebung gibt es zahlreiche wertvolle Kulturdenkmäler. Einige gehören zum UNESCO-Welterbe. Unter ihnen befindet sich die mittelalterliche Swetizchoweli-Kathedrale („Lebenspendende Säule“). Der Legende nach half ein Engel, die Säulen der ältesten am Ort gebauten Kirche zu setzen.

Das Kirchengebäude wurde seit dem 4. Jahrhundert mehrfach zerstört und wieder aufgebaut, vor allem nach den Invasionen der Araber, der Perser und des mongolischen Eroberers Timur Langs. Auch Erdbeben setzten dem Bauwerk zu. Als die Kathedrale 1970 und 1971 restauriert wurde, fand man in ihr die Fundamente einer Basilika. Sie war im späten 5. Jahrhundert von König Wachtang I. Gorgassali anstelle der von der Heiligen Nino erbauten ersten Kirche errichtet worden.

Die heutige Kathedrale wurde im 11. Jahrhundert auf Betreiben des georgischen Katholikos Melkisedek unter der Herrschaft des Königs Giorgi II. errichtet. 1787 wurde sie unter König Irakli II. von einer fünf Meter hohen Stein- und Backsteinmauer umgeben.

Ihr oberstes Stockwerk diente militärischen Zwecken und war mit Zinnen bewehrt. Die Mauer hatte acht Türme, sechs davon zylindrisch und zwei quadratisch. Im Süden gab es einen Eingang.

1963 wurde bei archäologischen Ausgrabungen an der Südmauer ein Wohngebäude des Katholikos aus dem 11. Jahrhundert gefunden. Innerhalb der Einfriedung fand man die Überreste eines zweistöckigen Schlosses für Patriarch Anton II.

Ikonen und Fresken

Die Innenwände der Kathedrale sind mit Fresken bemalt, die allerdings heute nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand sind. 1830 wurden sämtliche anlässlich eines Besuchs des russischen Zaren Nikolaus I. übertüncht. Einige wenige konnten inzwischen wiederhergestellt werden, darunter die apokalyptischen Bestien aus dem 13. Jahrhundert und Darstellungen der Tierkreiszeichen.

Die Ikonen an den Wänden sind keine Originale, sondern Kopien. Die Originale hängen in den Staatlichen Museen. Das große Christusgemälde am Altar stammt von einem russischen Künstler des 19. Jahrhunderts.

Und der Papst war auch schon da

Am 1. Oktober 2016 haben Papst Franziskus und der georgisch-orthodoxe Patriarch Ilia II die Swetizchoweli-Kathedrale von Mzcheta besucht. Der Papst wird zitiert:

„… Diese großartige Kathedrale, die viele Schätze des Glaubens und der Geschichte hütet, lädt uns ein, der Vergangenheit zu gedenken. Und das ist überaus notwendig, denn » der Niedergang des Volkes beginnt da, wo die Erinnerung an die Vergangenheit aufhört « (Ilia Tschawtschawadse, Das Volk und die Geschichte, in Iweria, 1888).

Die Geschichte Georgiens ist wie ein altes Buch, das auf jeder Seite von heiligen Zeugen und christlichen Werten erzählt, welche die Seele und die Kultur des Landes geprägt haben. Gleichwohl erzählt dieses kostbare Buch auch von Gesten großer Offenheit, Aufnahme und Integration.

Das sind unschätzbare und stets geltende Werte, für dieses Land und für die gesamte Region. Es sind Schätze, welche die christliche Identität gut zum Ausdruck bringen. Diese bleibt als solche erhalten, wenn sie fest im Glauben verankert und zugleich immer offen und ansprechbar ist, niemals starr und verschlossen. …“ Quelle

Etwas Politik und Aktualität aus Georgien:

2008 überfielrussische Truppen Georgien und okkupierten die abtrünnigen Gebiete Südossetien und Abchasien. (Quelle)

Seit dieser Zeit, seit 14 Jahren, lebt die georgische Bevölkerung mit der Angst davor, dass sich der Krieg wiederholen könne. Am 24. Februar 2022 kam zur Angst und dem Gefühl der eigenen Machtlosigkeit noch die Wut hinzu.

Die georgische Jugend kann Deutschland und Frankreich das Jahr 2008 nicht verzeihen. Gerade ihretwegen sind Georgien und die Ukraine bislang keine NATO-Mitglieder, sondern wurden mit leeren Versprechungen abgespeist, dass wir sicher irgendwann aufgenommen würden. Das hören wir jetzt seit 14 Jahren

März 2022 haben die Ukraine, Georgien und Moldau ihre Anträge auf Beitritt zur EU gestellt. Diese werden nun geprüft (Quelle)

Soweit der erste Teil der Reisebilder und Bericht aus Georgien, weitere Fotos und Texte folgen in den nächsten Tagen.

Quellen:

  1. Annegret Plontke-Lüning. Ost und West: über die Tradition zum Gewand Christi in Mzcheta und Trier. In: Erich Aretz (Publ.): Der Heilige Rock zu Trier. Trier 1995, 139–162. 
  2. Armin T. Wegner: Fünf Finger über Dir. Aufzeichnungen einer Reise durch Rußland, den Kaukasus und Persien 1927/28, Reprint Wuppertal 1979, S. 145–147

Literatur:

  • Shalva Amiranashvili: History of Georgian Art. Khelovneba, Tbilisi 1961
  • Roger Rosen: Georgia: A Sovereign Country of the Caucasus. Odyssey Publications, Hong Kong 1999, ISBN 962-217-502-3
  • Натроев А. Мцхет и его собор Свэти-Цховели. Историко-археологическое описание. 1900

Beitragsfoto: Swetizchoweli-Kathedrale. Alle Fotos: (c) Lilien, danke!

Autor: Willi Schewski

Fotograf. Blogger. Autor. Fotojournalist

2 Kommentare zu „Gebäude erzählen Geschichten: Mzcheta & die Swetizchoweli -Kathedrale (Georgien)“

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